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Unsicherheit bei NRW-Lehrern: Warum manche Zeugnisse in diesem Jahr komplett anders aussehen

Manche Lehrer greifen bei der Zeugnis-Erstellung wieder zum Kugelschreiber. (Symbolbild)
Manche Lehrer greifen bei der Zeugnis-Erstellung wieder zum Kugelschreiber. (Symbolbild)
Foto: dpa
  • Dienstanweisung überfordert Lehrer in NRW
  • Lehrer müssen sich Nutzung privater Rechner vom Schulleiter genehmigen lassen
  • Grund ist der Datenschutz

Essen. Am kommenden Freitag ist es endlich so weit: Letzter Schultag in NRW, Zeugnisvergabe und dann ab in die großen Ferien. Der Blick auf das Zeugnis könnte dann aber bei so manchem Schüler Fragen aufwerfen.

Denn einige Lehrer trauen sich nicht mehr, die Noten und Beurteilungen der Schüler am Computer zu verfassen. Das liegt an einer geänderten Dienstanweisung des NRW-Schulministeriums, erklärt Andreas Stommel (59), Mitglied im Landesvorstand des Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW.

Datenschutz-Richtlinie überfordert Lehrer bei Zeugnis-Erstellung

In der Dienstanweisung geht es um den Schutz personenbezogener Daten. Gemeint sind Noten und Beurteilungen von Schülern, die Lehrer in der Regel auf ihren privaten Computern schreiben. Das betrifft vor allem Lehrer von Grund- und Förderschulen, die Schüler in Zeugnissen umfangreich schriftlich bewerten. Das kostet Zeit.

An vielen Schulen weichen Lehrer auf ihre privaten Rechner aus, weil die meisten Schulträger nicht genug Geld in Computerplätze für Lehrer investieren, so Stommel. In den privaten Rechnern sieht der Gesetzgeber jedoch eine Datenschutzlücke.

Deshalb sollen Lehrer sich die Nutzung der eigenen Computer beim Schulleiter genehmigen lassen und sich zum Schutz der sensiblen Schüler-Daten verpflichten. „Das Thema hat an vielen Schulen zu großer Verunsicherung geführt“, berichtet Stommel nach dem Besuch vieler Personalversammlungen, auch im Ruhrgebiet.

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Grundschule in Düsseldorf schreibt Zeugnisse per Hand

Manche Lehrer hätten auf den Personalversammlungen geklagt, dass sie sich den Anweisungen des elfseitigen Formulars nicht gewachsen sehen. Sie seien schließlich keine Informatiker. Andere könnten die notwendigen Einstellungen technisch nicht umsetzen, weil ihre Rechner zu alt seien.

„Viele fragen sich jetzt: Soll ich die Zeugnisse lieber wieder mit der Hand schreiben?“, schildert Stommel. Eine Grundschule in Düsseldorf-Kaiserswerth habe sich bereits dazu entschlossen, bei der Zeugnis-Erstellung auf Computer zu verzichten. Auch einzelne Lehrer anderer Schulen spielen mit dem Gedanken, weiß Stommel.

Schulministerium sieht Schulleiter entlastet

Das ist nach Ansicht des Ministeriums für Schule und Bildung NRW nicht notwendig. Staatssekretär Mathias Richter erinnert in einem Brief an alle Schulleiter in NRW daran, dass die Benutzung privater Computer bereits seit 1995 genehmigungspflichtig war.

Das neue elfseitige Formular sei eine Hilfestellung für Schulleiter. Damit müssten die Schulen keine eigenen Formulare entwerfen. Hat ein Lehrer in der Vergangenheit bereits eine vergleichbare Genehmigung zur Nutzung des privaten Rechners eingeholt, ist diese weiterhin gültig, betont Richter.

Heißt im Klartext: Für Lehrer, die bereits seit Jahrzehnten ihren privaten Rechner zu Arbeitszwecken nutzen, ändert sich nichts.

Lehrerverband: „Das kann doch eigentlich gar nicht sein"

Dass sich nichts ändert, darin sieht Andreas Stommel genau das Problem. Seiner Ansicht nach müssten die Lehrer mit Dienstgeräten ausgestattet werden, die datenschutztechnisch auf dem neuesten Stand sind: „In jedem Unternehmen ist das gängige Praxis. Das kann doch eigentlich gar nicht sein, dass Lehrer auf ihre privaten Computer angewiesen sind“, kritisiert Stommel.

Auf Anfrage von DER WESTEN, ob Lehrer in NRW zukünftig mit Dienstgeräten ausgestattet werden, verweist das Schulministerium auf Gespräche zwischen Schulträgern (Kommunen) und dem Landesministerium. Schließlich sei das Land für die pädagogische Arbeit zuständig, die Kommunen hingegen für die verwaltungstechnischen Aufgaben der Lehrer. Die Frage, wer die Finanzierung von Dienstgeräten für die rund 190.000 Lehrer in NRW übernehme, sei deshalb juristisch gesehen hochkomplex.

Ist LOGINEO die Lösung?

Als Lichtblick gilt für viele die neue digitale Arbeitsplattform LOGINEO, die die Landesregierung ab Herbst 2018 anbieten will. Über dieses System könnten Lehrer von überall sicher auf Daten zugreifen.

Allerdings dürften Lehrer ohne die Genehmigung keine personenbezogenen Daten aus LOGINEO auf ihren privaten Rechner herunterladen, um beispielsweise in einer Word-Datei zu arbeiten. Deshalb führt nach Ansicht der VBE nichts an der Anschaffung von Dienstgeräten für Lehrer vorbei.

Und die Zeugnisse? Die werden sich in diesem Jahr wegen der Verunsicherung mancher Lehrer im Vergleich zum Vorjahr deutlich unterscheiden.

 
 

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