Essen

Schüler-Boom! Deutschland braucht Platz und Lehrer für 1,1 Millionen mehr Schüler als gedacht – so reagieren die Revierstädte

Durch Zuwanderung und eine steigende Geburtenrate wird die Zahl der Schüler stark steigen.
Durch Zuwanderung und eine steigende Geburtenrate wird die Zahl der Schüler stark steigen.
Foto: Ulrich von Born/ Funke Foto Services
  • Die Kultusminister haben sich verkalkuliert
  • Es wird bald deutlich mehr Schüler geben als angenommen
  • Wir haben die Revierstädte gefragt, wie sie darauf reagieren

Essen. Da haben sich die Kultusminister der Bundesländer aber mal kräftig verrechnet. Für eine Konferenz wurde eine völlig veraltete Prognose der Schülerzahlen verwendet. Sie stammt aus dem Jahr 2013. Deshalb gingen die Minister davon aus, dass die Zahl der Schüler bis 2025 weiter zurückgehen wird.

Doch das Gegenteil ist offenbar der Fall. Die Bertelsmann-Studie prognostiziert einen wahren Schüler-Boom. Durch Zuwanderung und eine steigende Geburtenrate wird es demnach 2025 deutschlandweit 300.000 Schüler mehr geben und damit 1,1 Millionen mehr als von den Kultusministern hochgerechnet.

Deshalb haben auch die Schulen im Ruhrgebiet jetzt zwei dicke Probleme: Wohin mit den ganzen Schülern? Und wer soll sie unterrichten?

Seit der Jahrtausendwende wurden im Revier immer mehr Schulen geschlossen. In acht Jahren würde der Schulraum theoretisch nicht einmal reichen, wenn man sie alle wieder öffnen würde. Mal abgesehen davon, dass das natürlich nicht geht.

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„Geschlossen wurden ja vor allem die Schulen, deren Gebäude sowieso marode und stark renovierungsbedürftig waren“, erklärt Martin Schulmann, Sprecher der Stadt Gelsenkirchen. Er sieht ein gewaltiges Problem auf die Revierstädte zukommen, dass zumindest in Gelsenkirchen auf Sicht nur über viele zusätzliche Schulcontainer zu lösen ist.

Schülerzahlen durch Zu- und Abwanderung unkalkulierbar

„Früher war die Prognose der Schülerzahlen einfach. Was heute geboren wurde, braucht in sechs Jahren einen Platz in der Grundschule“, sagt Schulmann weiter. „Heute ist das durch die massive Zu-, aber auch Rückwanderung schon für das nächste Halbjahr unkalkulierbar.“

Allein durch den jüngsten Zuwanderungsstrom musste Gelsenkirchen rund 2000 schulpflichtige Kinder unterbringen. Der Schüler-Boom bis 2025, da ist sich Schulmann sicher, bedeutet für die Städte immense Mehrkosten. Und nicht nur das: „Eine neue Schule, die wir jetzt planen, wird vielleicht in drei Jahren eröffnet. Und sie kostet uns einen zweistelligen Millionenbetrag.“

Essens Schulbeauftragte: „Auf uns hört ja keiner“

Was den Schulraum angeht, sieht sich Essen dagegen bestens gerüstet. „Wir sind verwundert über die Überraschung, die sich durch die Studie der Bertelsmann-Stiftung breit gemacht hat“, sagt Regine Möllenbeck, Leiterin des Fachbereichs Schule bei der Stadt Essen. „Wir korrigieren die Zahl der Schüler seit Jahren immer weiter nach oben. Hier ist allen klar, dass es einen Schüler-Boom geben wird. Und wir sind auch in allen Planungen von dieser Tatsache ausgegangen.“

Warum verkalkulierten sich die Kultusminister dann so? „Auf uns hört ja keiner“, schmunzelt Möllenbeck. Sie warnt aber auch vor unbegründeter Panik. „Der Schüler-Boom wird in den Städten völlig unterschiedlich ausfallen. Köln und Düsseldorf, aber auch Essen und Dortmund werden einen deutlichen Anstieg der Schülerzahlen haben. In Mülheim wird es dagegen schon deutlich weniger und in vielen NRW-Städten wird die Zahl der Schüler auch weiter zurückgehen.“

Mülheim: Planung steht, aber die Umsetzung ist das Problem

Wie Essen fühlt sich auch Mülheim durch seinen Schulentwicklungsplan gut auf einen starken Anstieg der Schülerzahlen vorbereitet. „Hier hat beim Lesen der Bertelsmann-Studie niemand gesagt: Huppala! Mit den langfristigen Planungen für den Bedarf an Schulraum sehen wir uns bestens auf steigende Schülerzahlen gerüstet“, so Stadtsprecher Volker Wiebels.

Kopfzerbrechen bereitet ihm vielmehr die Umsetzung der Planungen. „Viele der bereits vollständig geplanten Um- und Ausbauten von Schulen schieben wir vor uns her, weil sie nicht in den Etat passen und der Bedarf noch nicht vorhanden ist.“

Wer aber soll die vielen neuen Schüler in den vielen neuen Schulen und Containern unterrichten?

„Das ist nicht unser Problem“, sagen alle Stadtsprecher unisono. Die Verteilung der Lehrer und Referendare ist Sache des NRW-Bildungsministeriums in Düsseldorf. Die Städte haben darauf keinerlei Einfluss. „Da kann die neue Regierung gleich mal beweisen, was sie drauf hat“, schmunzelt Martin Schulmann. Und Regine Möllenbeck sagt: „Wir hoffen alle sehr, dass die Regierung ein Verteilungsverfahren findet, bei dem wir nicht am Ende hintenanstehen.“

 
 

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