Schillernde Endzeitstimmung

Martin Schrahn

Ein Wiedersehen mit Eberhard Kloke im Ruhrgebiet. Der Denker und Dirigent, Projektentwickler und Regisseur, Komponist und Arrangeur gibt sich die Ehre in der Philharmonie. Mit einer nahezu monströsen Collage aus Text, Bild, Musik, Installation und Performance. Nun, es geht ja auch um etwas. Um den gefallenen Engel, die Ursünde und die Vertreibung aus dem Paradies. Um den Teufel, Idylle und Zerstörung, Romantik und Realität. Also ums Ganze.

Kein Trost, nirgends

„Paradise lost“ heißt das Programm, konzipiert nach dem gleichnamigen Gedicht des Briten John Milton. Der in epischer Breite schildert, wie der Mensch aus dem Garten Eden verjagt wurde. Wir wissen um die Konsequenzen. Und Kloke führt sie uns in seiner dreiteiligen Inszenierung vor Augen, meißelt sie uns bisweilen in die Ohren. Liebe, Glaube, Hoffnung – alles dahin. Kein Trost, nirgends.

Es beginnt mit Peter Schröder, ein wunderbarer Schauspieler, Wortakrobat und hinreißender Dialogpartner seiner selbst. „Seltsame Dinge werden geschehen“, zitiert er eingangs Edgar Allan Poe, um dann mit Heiner Müller ein langes Leben im Wohlstand dem Paradiese vorzuziehen. Später wird Schröder uns in aller Textverständlichkeit und Plastizität Milton nahebringen.

Mit Ives’ „Dich, Gott, loben wir“, einer großorchestralen, klanggeschichteten, polyrhythmischen und vom Chor unterstützten Anbetung scheint die Welt noch in Ordnung. Doch der Brite schuf das Werk im Angesicht des 1. Weltkriegs. In Klokes Konzeptkonzert ist es also tönendes Dokument eben jener Zerstörung, die die Vertreibung aus dem Paradies auslöste. Alles ist penibel inszeniert. Kloke setzt auf die Kraft von Bild und Ton, von Sprache und Licht. Ein bisschen allerdings, so scheint’s, setzt sich dieser freigeistige Macher auch selbst in Szene.

Vor seiner sinnfälligen Performance namens „Über die Grenzen des All“ (das 2. der 5 Altenberg-Lieder Alban Bergs) aber darf getrost der Hut gezogen werden. Mulch bedeckt den Boden, inmitten ein ausgewaideter Oldtimer. Peter Schröder zitiert Endzeitgedichte Heiner Müllers, die exzellente Sopranistin Kim-Lillian Strebel interpretiert in schillerndsten Farben frühe Mahler-Lieder, das achtköpfige E-MEX-Ensemble liefern dazu Klokes Instrumentalfassung.

Kein Trost, nirgends? Vielleicht liegt er in der Schönheit der Musik. Die Essener Philharmoniker jedenfalls glänzen etwa mit Bergs Liedern, diesen meisterlich kolorierten Aphorismen, von der Mezzosopranistin Ezgi Kutlu feinherb gesungen. So halten wir es mit Nietzsche: „Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum“.