Schachpartie mit dem blinden Essener Kurt Milotzki (89)

Eine spannende Freundschaftspartie spielte Kurt Milotzki gegen WAZ-Redakteur Gerd Niewerth. Am Ende hieß es remis.
Eine spannende Freundschaftspartie spielte Kurt Milotzki gegen WAZ-Redakteur Gerd Niewerth. Am Ende hieß es remis.
Foto: WAZ FotoPool
Mit sechs Jahren erkrankte der 89 Jahre alte Essener Kurt Milotzki an Gehirnhautentzündung und verlor sein Augenlicht. Dann erlernte er das Schachspiel und stieg auf vom Amateur zum sechsfachen deutschen Meister. Sein Brett und seine Figuren sind eine Sonderanfertigung.

Essen. 64 Felder, 32 Figuren und aberwitzige 18 Trillionen Zugmöglichkeiten. Schon der Sehende wähnt sich beim Schachspiel in einem monströsen Dschungel. Wie mag es erst demjenigen ergehen, der sein Augenlicht verloren hat? Ein Besuch beim Essener Blindenschachclub bringt überraschende Einblicke.

An diesem Montag ist auch Kurt Milotzki, der legendäre Klubgründer, wieder mal mit von der Partie: ein vitaler Mann, der sich einer faszinierenden geistigen Frische erfreut. Dass er in ein paar Tagen neunzig wird, sieht ihm keiner an.

Die Sizilianische Verteidigung kommt aufs Brett

„Wie wär’s mit einer Freundschaftspartie?“, fragt er. Ich nehme gerne an und bin gespannt. „Emil vier“ sage ich - und rücke den Königsbauer im Doppelschritt vor aufs Feld e4. Kurt erwidert prompt „Cäsar fünf“ - die Sizilianische Verteidigung kommt aufs Brett. Kaum sind unsere Kavallerien in Stellung gebracht, da wirft mein Gegner schon seine Truppen auf dem Damenflügel gegen meine Königsburg. „Ich greife gerne an“, verrät er, und lässt seine feinen Hände unentwegt über sein kleines Steck-Schachspiel wandern: eine Spezial-Anfertigung für blinde Spieler - die schwarzen Figuren tragen kleine Nagelköpfe und die schwarzen Felder liegen höher als die weißen.

„Berührt, geführt“ - diese strenge Regel gilt nur an meinem großen Brett. Kurt hingegen fühlt und tastet unentwegt auf seinem, tausendmal streicht er übers Schlachtfeld. Es ist ein magischer Anblick. Denn je turbulenter die Stellung, desto wilder tanzen seine Finger übers Holz. Den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt und den Kopf beinahe andächtig zur Seite haltend versinkt er immer tiefer in die Partie. Derweil seine Hände offene Linien und freie Diagonalen „begreifen“, schmiedet sein hochkonzentriertes Hirn gefährliche Drohungen. „Teufel noch mal“, sagt er plötzlich - und verschlingt den Bauer auf „Felix sechs“. Es ist jetzt ein Kampf auf des Messers Schneide.

Mit zehn gewann er das erste Turnier

„Mit sechs bin ich an Gehirnhautentzündung erkrankt“, erzählt der Karnaper Bergmannssohn, „andere Kinder starben daran, ich verlor das Augenlicht.“ Zwei Jahre später bringen sie dem Knaben die Regeln des Königlichen Spiels bei, er studiert ein Schachheft in Braille-Schrift und mit zehn gewinnt er schon sein erstes Turnier. Er ist talentiert, ehrgeizig und erfolgreich. Schnell steigt der Amateur auf zum Champion und zu deutschen Meistertiteln. Er sagt: „Durch das Schachspiel habe ich halb Europa kennengelernt.“

Zuerst spielt Milotzki in Karnap, später kreuzt er für Katernberg in der Bundesliga die Klingen - gegen Sehende versteht sich. Seine Weggefährten im Blindenschachklub klopfen ihm anerkennend auf die Schulter. „Der Kurt“, schwärmt einer, „der war so gefürchtet, dass man nicht mehr wusste, wer blind war und wer sehen konnte.“ Den vielleicht schönsten Moment seiner Schachkarriere erlebt er 1985 beim Radio-Duell gegen Garri Kasparow. Mehrere deutsche Klubs treten gegen den Weltmeister an, der Deutschlandfunk berichtet live. „Wir saßen zu sechst in meinem Wohnzimmer und unser Team gewann als einziges“, erzählt Kurt Milotzki. „Ein Sieg gegen den besten Schachspieler der Welt, da gab’s zur Belohnung Sekt.“

In unserer freien Partie sind jetzt schon gut eineinviertel Stunden gespielt - und ich schwimme. Kurt hat die Dame, ich halte mit Turm und Läufer dagegen, dazu Bauern auf jeder Seite. Im 33. Zug bin ich eigentlich platt, aber Kurt - pardon - übersieht die siegbringende Turmfesselung. Kurz drauf rette ich mich ins Remis. Wir schütteln die Hände. „Ein gerechtes Unentschieden“, lobt der Meister und lacht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war der Name von Kurt Milotzki in Überschrift, Vorspann und Bildunterschrift falsch geschrieben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

 
 

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