Sattelfest in einer fremden Stadt

Anne Wohland

In einer langen Reihe stehen sie bereit, 25 Flüchtlingskinder, um fix ihren Fahrradhelm überzustülpen und eine Warnweste anzuziehen. Dann geht’s los. Per Rad über das Gelände der Jugendverkehrsschule an der Grillostraße pesen, an Stoppschildern anhalten, durch Kreisverkehre fahren, abbiegen oder den Passanten über den Zebrastreifen gehen lassen. Zwei Stunden lang, mit viel Spaß und (zu recht) stolzen Blicken, wenn sogar ein Handzeichen das Abbiegen vorher ankündigt. Ihr Übersetzer, Sozialbetreuer und Sportlehrer Gariaoui Hassen von European Homecare steht immer dabei.

Mit großer Besetzung machten gestern Polizei, Verkehrswacht und Stadt das neueste Flüchtlingsprojekt bekannt: Ab sofort nutzen Kinder, die in Flüchtlingsunterkünften leben, die vorhandenen Verkehrsübungsplätze, um zu lernen, wie sie in der Großstadt Essen gefahrlos mit dem Rad unterwegs sein können. So der Plan. Startpunkt ist die Jugendverkehrsschule an der Grillostraße, Training einmal die Woche, alldieweil nur wenige Meter entfernt das erste Essener Flüchtlingszeltdorf Am Altenbergshof jüngst eröffnete.

Auf dem Übungsplatz hat Polizeihauptkommissar Jürgen Tonscheidt seit acht Jahren das Sagen, auch für Radfahranfänger wie eine Gruppe muslimischer Frauen. Meist trainiert er aber mit Grundschülern das Radfahren auf dem Platz und rund um ihre Grundschule, wobei er zunehmend auf „Seiteneinsteigerkinder“ trifft, die ohne Deutschkenntnisse ins Schulleben ihrer neuen Heimat starten – und Radfahren lernen.

Joggender Dolmetscher

Große Kulleraugen schauen Tonscheidt gestern immer wieder an. Der Hauptkommissar wartet am Stoppschild der zentralen Kreuzung des Übungsplatzes, schaut zu, ob gestoppt wird oder hält Durchfahrende kurzerhand an – im Grunde wie bei jedem anderen Fahrtraining auch. Nur, die heranradelnden Flüchtlingskinder lauschen zwar seiner freundlichen Stimme und lächeln ihn an, doch ohne ihren Betreuer Hassen könnten sie die Verkehrsregeln gar nicht verstehen. Meist auf englisch und arabisch erklärt Hassen quer über den Platz alles Nötige. Wenn nötig, joggt er nebenher.

„Radfahren können die Kinder bereits“, sagt Hassen, „Im Zeltdorf fahren sie auf gespendeten Rädern und zusätzlich habe ich mit ihnen dort noch mal die Verkehrszeichen und -regeln geübt.“ Viele Kinder seien es gewöhnt, in großen Städten zu radeln. Das macht es einfacher.

„Heute geht es um Verkehrssicherheit – und ein bisschen mehr. Es geht um gelebte Willkommenskultur,“ lobt Polizeipräsident Frank Richter das Projekt und erweitert dessen Dimension: „So können wir über die Kinder die Eltern erreichen und zeigen, dass hier die Polizei wirklich ein Freund und Helfer ist.“ Die Erfahrung vieler Flüchtlinge in ihren Heimatländern sei oftmals ganz anders, geprägt von Angst vor der Polizei. Diese Barriere soll durchbrochen, die Polizei zum ganz normalen Ansprechpartner werden – über die Polizisten, die die radelnden Kinder betreuen.

Und idealerweise werden die Kinder auch noch „Helmbotschafter“, erhofft sich Karl-Heinz Webels, Vorsitzender der Verkehrswacht Essen. Schließlich tragen sie beim Training die Helme, die neben den Rädern zur Grundausstattung aller vier Verkehrsübungsplätze gehört.