Rummel in Münster um versteigerten Beitz-Nachlass

Gerd Niewerth
Berthold Beitz kurz vor seinem Tod im Gartensaal der Villa Hügel.
Berthold Beitz kurz vor seinem Tod im Gartensaal der Villa Hügel.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Ein Teil des Nachlasses des „letzten Krupp“ kam in Münster unter den Hammer. Eigentlich hätte das diskret passieren sollen.

Essen. In aller Diskretion und möglichst geräuschlos sollte der Verkauf der Kunstwerke und Antiquitäten aus höchst prominentem Nachlass abgewickelt werden: nicht in Essen, sondern im fernen Münster. Dass es sich um Kostbarkeiten aus dem Besitz des vor bald zwei Jahren verstorbenen Berthold Beitz handelte, so erzählt man sich, durfte auf keinen Fall erwähnt werden. Doch es sollte ganz anders kommen. Denn die spektakuläre Kunde vom käuflichen Teil-Nachlass des „letzten Krupp“ versetzte die geschäftige Antiquitätenszene der Domstadt so sehr in Aufregung, dass nun „tout Münster“ darüber spricht.

„Einen solchen Nachlass zu erhalten, das ist wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl“, zitieren die Westfälischen Nachrichten eine entzückte Kunsthändlerin, die allerdings zu spät von der Sensation erfuhr. Mehr Glück hatte dagegen einer ihrer Kollegen, der allerdings nicht mit Namen genannt werden möchte. Ihm gelang es, etliche Beitz-Preziosen bei dem Erstverkäufer zu erwerben und sodann gewinnbringend weiter zu versteigern. „Ich kam ziemlich als Letzter zum Zuge“, berichtet der Münsteraner augenzwinkernd.

Der Nachlass des legendären Krupp-Bevollmächtigten sei von den Erben größtenteils zu Händlerpreisen abgegeben worden, heißt es. Sogar etliche Schnäppchen seien darunter gewesen. „Die Beitz-Erben waren eben großzügig, ganz so wie es Berthold Beitz selber auch immer war“, sagt der Kunsthändler.

Eine byzantinische Ikone aus dem 16. Jahrhundert habe er vor vier Wochen für 19 000 Euro versteigert, ein Gemälde des bekannten polnischen Malers Jacek Malczewski wiederum sei für 17 000 Euro weggegangen. „Es war eine Versteigerung mit 28 Telefonen.“

Über den Erstverkäufer berichtet die Lokalzeitung ferner, dass dieser auch Exponate aus Gold und Silber im sechsstelligen Euro-Bereich veräußert habe. „Ich selbst habe eine Silberschale der Krupp-Yacht Germania VI für 1800 Euro versteigert“, sagt der Kunsthändler dieser Zeitung, und fügt hinzu: „Eingraviert war auch der Name ‘Bohlen und Halbach’.“

Berthold Beitz, der 2013 im Alter von 99 Jahren verstarb, zählte schon zu Lebzeiten zu den legendärsten Industriellen Nachkriegs-Deutschlands. Ihm, dem Mutigen, der während des Zweiten Weltkriegs vielen Juden das Leben rettete, gelang es später, Krupps monströses Kanonenkönig-Image weitgehend abzustreifen und neuen Glanz über den Weltkonzern zu bringen.

Bei den meisten Kostbarkeiten des in Münster veräußerten Nachlasses soll es sich um Geschenke handeln, mit denen man sich im Laufe von Jahrzehnten vor Beitz verneigt habe. „Es sind Kunstwerke, die Dankbarkeit vermitteln und nicht Glanz und Gloria des Hauses Krupp von Bohlen und Halbach“, findet der Kunst-Auktionator. Was auffalle: Viele der Kunstwerke stammten aus jenen osteuropäischen Ländern, in die die geretteten Beitz-Juden nach dem Ende der Naziherrschaft gezogen sind. Der größte Teil des umfangreichen Beitz-Nachlasses befinde sich weiterhin im Besitz der Familie, heißt es.

Dass mit dem spektakulären Beitz-Nachlass ausgerechnet die Antiquitätenhändler in Münster beglückt wurden, hängt offenbar mit den familiären Verbindungen zusammen, die die Familie Beitz in Essen mit der Münsteraner Bankiers-Familie Poullain geknüpft hat. Bettina Poullain ist die Tochter von Berthold Beitz und seiner Frau Else, die im letzten September mit 94 Jahren starb. Sie ist verheiratet mit einem Sohn von Ludwig Poullain, dem langjährigen Vorstandschef der Westdeutschen Landesbank.

Die Nachfrage nach dem Beitz-Nachlass soll immens sein. „Der Name zieht eben“, heißt es. Der Kunsthändler besitzt noch Gemälde, Lampen und Schmuck. Bei seinen Kollegen könne man auch auf Dinge stoßen, die im Hause Beitz unter die ebenfalls interessante Kategorie „Gegenstände des täglichen Bedarfs“ fielen, etwa Fotoalben.

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