Ruhrgebiets-Geschichte mal im kleinen Maßstab

Chef-Techniker Marco Wilms
Chef-Techniker Marco Wilms
Foto: Michael Korte
Zurzeit entsteht in der Orangerie im Grugapark eine Miniaturwelt, die einzigartig ist: Der Besucher begibt sich auf eine Zeitreise von 1965 bis in die Gegenwart, mit Industrieanlagen, fahrenden Zügen, Autos und sich bewegenden Figuren. Eröffnung im April / Mai.

Essen.. Jens Kürvers ist stolz, stolz auf seine neue Miniaturwelt mitten im Grugapark, in der Orangerie: Industrieanlagen im Maßstab 1:87, fahrende Züge, dazu Automobile, Busse und sich wie von Geisterhand bewegende Figuren wird es dort künftig zu bestaunen geben. Vieles ist schon fertig, die technischen Anlagen werden noch getestet und fein justiert, bevor die Besucher sie zu Gesicht bekommen. „Denn schließlich muss alles tadellos funkti­onieren.“ In einigen Teilen der Anlage gibt’s aber noch ein paar größere Miniaturbaustellen, quillt Bauschaum aus den Ecken und Ritzen, stehen einige der gut 400 Häuser auf den Gleisen, liegt manche der über 10.000 Figuren auf dem Boden, sind Wälder und Flüsse einzig für Eingeweihte erkennbar. „Bis zur Eröffnung zum Beginn der Grugaparksaison im April / Mai gibt’s noch viel zu tun“, weiß Kürvers, der hinter der Oktorail-Miniaturwelt auf etwa 480 Quadratmetern steckt.

Der Heisinger ist Geschäftsmann, Ingenieur, Ei­senbahnfan und kein Neuling im Miniaturgeschäft: Er ist Inhaber der Jim-Knopf-Spielzeugläden, betreibt den „Deutschlandexpress“ in Gelsenkirchen und bis vor zwei Jahren auch die Miniaturwelt Oberhausen an der Marina. „Die haben wir nach Stuttgart verkauft, da die Räume anderweitig genutzt werden sollten“, sagt Kürvers. Zeitgleich sei die Stadt Essen an ihn heran getreten, „weil sie den Grugapark um ei­ne weitere Attraktion bereichern wollte“. Die Orangerie stand leer, da habe er nicht lange gezögert.

Seither tüfteln er und seine Mitar­beiter an der neuen Anlage, „die einmalig in Deutschland sein wird“, sagt der Chef. In Essen will er ganz neue Wege gehen, auf seinen Erfahrungen und den Wünschen der Besucher in Gelsenkirchen und Oberhausen aufbauen. Absperrungen wird es in der Orangerie nicht geben, dafür ein pädagogisches Konzept, dass vor allem junge Menschen erreichen will. „Ich hoffe mal, dass die Figuren trotzdem heile bleiben und nicht verschwinden“, sagt Kürvers. Familien, die ih­ren Tag im Park verbringen, soll die Miniaturwelt Unterhaltung und zugleich Abwechselung bieten. Schüler und Lehrer sollen sie als außerschulischen Lernort wahrnehmen. Und Modellbauer? „Für die gibt’s hier so viele Detail zu entdecken, die halten sich sicher den ganzen Tag in der Miniaturwelt auf.“

Kürvers will die Besucher auf eine Zeitreise in die 60er Jahre entführen. Dazu hat er sich etwas ganz besonderes einfallen lassen: Wer die Mini­aturwelt betritt, findet sich zunächst in einem historischen anmutenden Eisenbahnwagen wieder. Er ist in Teilen echt, „wir haben dafür die Innenausstattung aus ei­nem Waggon verwendet, den wir in unserer Halle in Oberhausen in seine Einzelteile zerlegt haben.“ Mitar­beiter der Essener Verkehrs-AG hätten die Sitze aufbereitet und neu gepolstert.

Entführt in eine Zeit, in der das Revier von Kohle und Stahl geprägt war, steigen die Besucher aus. Und sollen sofort ins Staunen kommen: Ei­ne riesige Industrieanlage ist das erste, auf das sie blicken, eine Zeche mit angeschlossener Kokerei. „Je weiter sie durch die Miniaturwelt gehen, desto moderner wird die Anlage. Am Ausgang landen die Besucher wieder im Jahr 2014“, sagt Jens Kürvers. Aber nicht ohne etwas über das Ruhrgebiet und seine Geschichte gelernt zu haben: „Wir vermitteln hier einen Zyklus, der typisch fürs Revier war – den der Automobilherstellung.“ So wird hüben im Modellhafen zunächst Erz angeliefert, hüben Kohle gefördert und zu Koks verar­beitet. Aus Eisen entsteht im Werk nebenan Stahl, das zu Coils geformt wird. Mit der Eisenbahn werden sie zu einem VW-Werk in Mitteldeutschland transportiert, wo aus ihnen verschiedene Fahrzeuge gefertigt werden. Durch und über die Al­pen gelangen sie nach Norditalien – in ein Autohaus. Das Ende der Miniaturreise in die Vergangenheit.

Freizeit „Irgendwie mussten Berge mit hinein, doch die gibt es im Ruhrgebiet nun mal nicht. Darum haben wir uns für diese Variante entschieden“, sagt Kürvers. Denn eine Miniatureisenbahnanlage ohne Berge, das hätten ihm die Fans der kleinen Bahnen sicher nicht verziehen. Nur in den 60er Jahren bleiben wollte er auch nicht. „Dann hätte ich nur Tristesse zeigen können und keine modernen Züge wie den ICE.“ Auch daher lag die gewählte Lösung nahe.

Damit die Züge über die gut zwei Kilometer Gleise rollen und es keine Unfälle gibt, steuern sieben Computer im Hintergrund sämtliche Abläufe der Anlage: die Züge, Signale, das Licht in den Gebäuden und was es sonst noch an technischen Kleinigkeiten gibt. Als Chef-Techniker ist es die Aufgabe von Marco Wilms, die Strecken und mehr als 100 Märklin-Züge mit insgesamt mehreren Hundert Waggons in die Computer einzugeben. „Fällt einer trotzdem mal aus, steht zum Glück nur ein Teil der Anlage still. Doch das wird nur äußerst selten passieren“, verspricht Wilms. Ist kein Ton zu hören, wenn ein Film über die Monitore flimmert, ist das jedoch kein Defekt: Die Stimmungsfilme kommen ohne Ton aus – so zum Beispiel die Hochzeit in einem (echten) Autowerk, der Moment, in dem das Fahrgestell mit der Karosserie verbunden wird.

Neben den Filmen gibt es mehrere interaktive Attraktionen. So werden die Besucher durch ihr Mobiltelefon eingebunden: Kinder und Jugendliche können auf ihrem Handy Aufgaben lösen und bekommen dann ei­nen Code, mit dem sie Ereignisse in der Miniaturwelt auslösen können. „Wir wollen sie in ihrer Welt abholen, nur mit Videos und Anzeigetafeln funktioniert das bei den Pubertierenden nun mal nicht mehr“, meint Jens Kürvers. Er ist überzeugt davon, dass sein neues pädagogisches Konzept den Ehrgeiz des Nachwuchses weckt. Und sie die Aufgaben in ei­ner eigens dafür bereitgestellten Smartphone-Apps lösen, um die Aktionen in der Miniaturwelt freizuschalten. Gemeinsam mit dem Grugapark will Kürvers bald organisierte Tagesausflüge für Schulklassen anbieten – im Bus von der Schule zum Park und in die Miniaturanlage und zurück.

Auch wenn noch nicht alles fertig ist, detailverliebt ist Kürvers neuste Anlage schon jetzt. Am besten lässt sich das wohl am Beispiel des preisgekürten Hochofens zeigen, der unmittelbar am Eingang steht. 16 Jahre hat ein Modellbauer in der Schweiz daran gebaut und kein Detail ausgelassen. Auch die zum Teil von Hand bemalten Figuren und die Geschichten, die sie erzählen, werden sicher viele Gäste zum Staunen bringen.

Nicht nur Modelle haben es Jens Kürvers angetan – er besitzt sogar eine Dampflokomotive, die „Pörtingssiepen VI“ , die er der Deutschen Steinkohle abkaufte. Und ein eigens renoviertes Stellwerk an der Kampmannbrücke in Kupferdreh am Baldeneysee.

Die Preise für den Eintritt in seine neue Miniaturwelt stehen noch nicht fest, doch Kürvers verspricht einen „sehr moderaten Eintrittspreis“, der ausgelegt sei auf eine Verweildauer von etwa einer Stunde – für normale Parkbesucher. Modellbauer bräuchten wohl deutlich länger.

Eine neuartige Bahnhofshalle, die noch nicht fertig ist, soll ihre Herzen höherschlagen lassen. Was es damit genau auf sich hat, verrät der Inhaber noch nicht.

Wer den Baufortschritt verfolgen will, kann im Internet unter www.oktorail.de ein Bautagebuch einsehen. Außerdem gibt es unter www.nrz.de/essen eine Fotostrecke, die einen ersten Eindruck der Anlage vermitteln soll.

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