Essen

Ruhrgebiet wird zu AfD-Hochburg des Westens: Das wollen SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Revier dagegen tun

Der SPD-Bundestagsabgeordnete  Mahmut Özdemir glaubt: "„Für Menschen, die systematisch unsere Grundwerte missachten, brauchen wir eine harte Hand."
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Mahmut Özdemir glaubt: "„Für Menschen, die systematisch unsere Grundwerte missachten, brauchen wir eine harte Hand."

Essen. Ein Sieg ohne Siegesfeier: Markus Töns ist am Tag nach der Wahl nicht in Partylaune. Der SPD-Kandidat hat in Gelsenkirchen das Direktmandat geholt und zieht in den Bundestag ein.

„Aber es gibt keinen Grund zum Feiern“, sagt er. „Für die SPD ist das Wahlergebnis katastrophal.“ Und: In seinem Wahlkreis ist die AfD so stark wie in keiner anderen Stadt in Westdeutschland. Töns findet das „erschreckend“. 17 Prozent holten die Rechtspopulisten in Gelsenkirchen - bei den Erst- und den Zweitstimmen.

2013 holte SPD-Kandidat noch 50 Prozent

Markus Töns bekam knapp 38 Prozent der Erststimmen. Zum Vergleich: 2013 holte SPD-Kandidat Joachim Poß noch über 50 Prozent. Die Differenz zwischen damals und heute entspricht ziemlich genau dem Prozentsatz, den die AfD seit der letzten Bundestagswahl dazugewonnen hat: Viele der neuen Wähler dürften enttäuschte Ex-SPD-Anhänger sein.

Menschen, die in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und einem hohen Migrationsanteil leben. Gegenden, in denen es „Problemhäuser“ gibt und die von manchen „No-Go-Areas“ genannt werden.

„Die AfD-Wähler sind ja nicht alle Rassisten und Rechtsradikale. Das sind Menschen, die Angst haben, abgehängt zu werden“, sagt Töns. Und die AfD biete vermeintlich einfache Lösungen für ihre Nöte.

„Wenn Nachbarn ihren Müll aus dem fünften Stock werfen, ist das nicht prickelnd“

Was will er tun, dass diese Menschen in vier Jahren nicht mehr die AfD wählen? „Wir müssen uns vor allem inhaltlich neu aufstellen, und das in der Opposition“, so Töns. Man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen und klar ansprechen.

„Wir haben in Gelsenkirchen auch Probleme mit der Integration von Migranten. Sechseinhalb Tausend Ostzuwanderer leben vor allem in Stadtteilen wie Scholven oder Schalke“, sagt er. Nicht wenige seien nur „schlecht bis gar nicht“ qualifiziert für den Arbeitsmarkt und lebten in unhaltbaren Zuständen.

„Wenn man Nachbarn hat, die aus dem fünften Stock ihren Müll auf die Straße werfen, weil sie es nicht besser wissen oder es ihnen egal ist, dann ist das nicht so prickelnd.“

AfD holt 30 Prozent in Obermarxloh

Jahrelang habe sich Kanzlerin Angela Merkel für solche Probleme nicht interessiert.

Auch in anderen Revier-Städten verlor die SPD massiv an Stimmen - die AfD hingegen schnitt stark ab: Im Essener Norden gaben 15 Prozent der Wähler ihre Stimme der Partei, im Duisburger Norden mehr als 16 Prozent. In Obermarxloh holte die Partei sogar 30 Prozent.

Mahmut Özdemir findet das „besorgniserregend“. Der SPD-Bundestagsabgeordnete hat im Duisburger Norden erneut das Direktmandat erhalten.

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Auch er ist überhaupt nicht in Feierlaune. Sein Flieger ist gerade in Berlin gelandet, ein harter Wahlkampf liegt hinter ihm.

Das Wahlergebnis sei nicht weniger als ein „heftiger Denkzettel für die Volksparteien und eine krachende Niederlage für die Große Koalition.“ Er respektiere, dass Wähler sich für die AfD entschieden hätten, weil sie sich von den anderen Parteien offenbar nicht vertreten gefühlt hätten.

Erinnerung an die Zeit vor 1945

Überhaupt keinen Respekt habe er aber vor dem Gedankengut, das die AfD und womöglich viele ihrer Wähler vertreten. „Dass Menschen jetzt ihre Stimme einer Partei geben, weil sie Ein-Satz-Lösungen für komplexe Probleme anbietet, erinnert mich an die Zeit in Deutschland vor 1945“, sagt der SPDler. Es erstaune ihn, dass so viele Menschen diametral zu ihren eigenen Interessen wählen.

Wie will er die 15 Prozent AfD-Wähler wieder zurückgewinnen? „Die Leute haben Ängste um ihre Sicherheit und ihre Familien. Solche Ängste müssen in vertrauenswürdige Politik gegossen werden.“

Die Politiker müssten wieder „mehr hin zu den Menschen, mit einer klugen Informationspolitik“.

„Lieber eine Ordnungsmacht mit Schlagstock, als eine, die nur danebensteht“

Duisburgs OB Sören Link hatte zuletzt in einem Interview mit DER WESTEN für Wirbel gesorgt, indem er für eine Null-Toleranz-Politik plädierte: „Die Osteuropäer kommen ja nicht alle nach Marxloh, um hier zu arbeiten.“ Kritiker hatten ihm im Anschluss Populismus vorgeworfen.

Ist Links Rhetorik vorbildhaft für die Oppositions-SPD? Manche sprechen eben eher rustikal, andere filigran. Sören Link ist da wohl der rustikale Typ“, sagt Özdemir.

Aber im Kern habe Link schon recht. „Für Menschen, die systematisch unsere Grundwerte missachten, brauchen wir eine harte Hand.“

Man müsse ihnen höflich den Rechtsstaat erklären. Wenn das nicht helfe, brauche es härtere Mittel. „Lieber habe ich eine Ordnungsmacht, die auch mal mit dem Schlagstock agiert, als eine, die nur danebensteht“, so Özdemir.

 
 

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