Ruhrgebiet: Mit Telegram durch die Nacht – Gras, Sex und Querdenker im Lockdown

WhatsApp: Diese Fehler solltest Du niemals tun

WhatsApp: Diese Fehler solltest Du niemals tun
Beschreibung anzeigen

In Belarus haben sie per Telegram die Revolution gegen Diktator Lukaschenko organisiert.

Auch in Deutschland und bei uns im Ruhrgebiet ist der Messengerdienst, seitdem Attila Hildmann und Michael Wendler dort ihre kruden Verschwörungstheorien verbreiten, der Öffentlichkeit bekannt. Besonders unter „Querdenkern“ ist Telegram beliebt. Doch nicht nur Hass und Corona-Hetze sind weit verbreitet, auch Kriminelle haben die App für sich entdeckt.

Ruhrgebiet: Mit Telegram durch die Nacht

Drogen, Sex und Querdenken - im Lockdown lohnt ein Blick in die Telegram-App. Das Besondere: Anders als bei Whatsapp können beim russischen Messenger nicht nur normale Nachrichten an Freunde und Bekannte geschickt, sondern auch Kontakte mit unbekannten Personen und Gruppen in der Nähe geknüpft werden. Eine Spurensuche im Ruhrgebiet.

Es ist Freitagabend. In Essen-Rüttenscheid wäre eigentlich jetzt Party-Zeit, Clubs und Bars voll. Doch stattdessen heißt es zu Hause sitzen – da vertreibt sich manch einer die Zeit im Messenger. Einige Gruppen haben über Hunderte Mitglieder, andere nur ein einziges.

Mir wird die Gruppe „Essen City“ angezeigt. Just als ich reinblicke, meldet sich ein neues Mitglied zu Wort: „Moin. Sucht eine Frau einen geilen Sch****?“ Hier hat er wohl was verwechselt, ermahnen ihn die anderen User. „Wir sind keine Sex-Gruppe“, schreibt eine. Hier plaudert man lieber über dies und das.

Bei „Communalka NRW“ geht es da schon anders zu. Hier fluten Angebote zu Sextreffen in gebrochenem Deutsch die Gruppe - gepaart mit Hinweisen auf Französisch-Nachhilfe. Nun ja. Weiter geht's.

+++ Whatsapp: Änderung für alle Nutzer! Nach heftigen Protesten macht der Messenger einen Rückzieher +++

Gruppen zu Nischen-Themen gefragt

Der Lockdown fesselt die Menschen zu Hause. Viele vertreiben sich in die Langeweile in den Telegram-Gruppen. Ein User in Gelsenkirchen/Buer berichtet, dass er gleich Feierabend hat und sich aufs Wochenende freut.

In anderen Gruppen tauschen sich Computer-Nerds, Freifunker, Lost-Places-Enthusiasten oder Fans von Kryptowährungen aus. In Altenessen offeriert einer in „Alles da“ Potenzmittel. Ein anderer fragt: „Habt ihr auch Gras da?“ Eine Antwort bekommt er nicht.

+++ Beliebter als Whatsapp: Mega-Hype um diese App – doch eine Sache solltest du vor dem Download wissen +++

„Holland“ ist Programm

In Herne ist der Name „Holland“ Programm - ein Bild einer Hand voll Gras zeigt worum es geht. „Wer da?“, frage ich versuchsweise. Doch Funkstille an diesem Abend. Meist dienen die offenen Gruppen ohnehin nur zur Kontaktanbendelung. Die Geschäfte werden in privaten Chats gemacht. Denn theoretisch kann jeder Passant mitlesen - natürlich auch die Polizei.

--------------------------------------

Mehr News:

--------------------------------------

Doch bei Apps wie Telegram oder Whatsapp sind die Ermittler an die Strafprozessordnung gebunden: Auch wenn jeder in vielen Gruppen mitlesen kann, gilt das gesprochene Wort. Dennoch sollte man sich auch auf Telegram nicht der Illusion hingeben, dass man alles Tun und Lassen kann, ohne dass man irgendwie in den Fokus der Strafverfolgungsbehörden gerät, erklärt mir Christoph Hebbecker.

Der Kölner Staatsanwalt ist Hate-Speech-Ermittler und kennt sich aus mit Hass und Kriminalität im Netz: „Es gelten auf Telegram die gleichen Regeln wie auf allen anderen Plattformen und in der analogen Welt auch. Wir kennen Telegram aus anderen Verfahren beispielsweise im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln oder Kinderpornografie. Wir führen auch Ermittlungsverfahren auf Telegram im Bereich der digitalen Hasskriminalität.“

Telegram gibt kaum Daten heraus

Doch die Ermittler stünden vor einem riesigen Problem. „Im Bereich Telegram ist es extrem schwierig bis unmöglich Daten von Telegram bekommen. Ich kenne keinen Fall im Bereich der digitalen Hasskriminalität, in denen Telegram Daten zu Nutzern zur Verfügung gestellt hätte.“

--------------------

Das ist Telegram:

  • Telegram ist ein kostenloser Instant-Messaging-Dienst, der seit 2013 existiert.
  • Wie bei Whatsapp können hier Textnachrichten, Sprachnachrichten, Fotos und Videos ausgetaucht werden.
  • Gründer ist der Russe Pawel Durow, der bereits das russischsprachige Facebook „VKontakte“ erfunden hatte.
  • Laut Telegram-Seite ist das Entwicklerteam in Dubai angesiedelt.

--------------------

Dass Telegram auch für die Ermittler kein blinder Fleck ist, zeigt ein Schlag gegen Cyberkriminelle im vergangenen Herbst.

Bei einer bundesweiten Aktion gelang den Behörden ein Schlag gegen Administratoren von neun Chat-Gruppen. Ihnen wird unerlaubter Handel mit Drogen, gefälschten Dokumenten und gestohlenen Daten vorgeworfen.

Telegram ist bei „Querdenken“-Bewegung beliebt

Auch bei Querdenkern ist die App beliebt: Auch sie haben verschiedene Kanäle im Ruhrgebiet. Auf dem Weg durch Essen-Karnap erscheinen auch die „Patrioten“. Hier gibt's gleich den Hinweis, das jeder mitlesen kann und man sich in anderen Chaträumen intimer austauschen könne.

+++ Corona: „Große Sorge“ um neue brasilianische Mutation ++ Alarmierende Zahlen vom Handelsverband +++

Dann bin ich zurück in Essen City - hier wird der neue Lockdown und drohende Ausgangssperren diskutiert. „Wenn das so weitergeht, bricht der 3. Weltkrieg aus“, prophezeit einer. Na dann, Handy aus, gute Nacht.