Rüpel-Raser verletzt Dauerläufer am Baldeneysee in Essen

Gerd Niewerth
Nachgestellte Szene am Baldeneysee: Hier wurde Jogger Markus Raspel von einem Rennradfahrer am Arm verletzt.
Nachgestellte Szene am Baldeneysee: Hier wurde Jogger Markus Raspel von einem Rennradfahrer am Arm verletzt.
Foto: Essen
Markus Raspel trainierte am Baldeneysee für den RWE-Marathon und wurde von einem skrupellosen Rennradfahrer angefahren. Polizei: 25 Verletzte in 19 Monaten.

Essen. Eigentlich will der Baldeneysee an seinem ausgedehnten Ufer zuallererst dies sein: eine Oase der Erholung und Entspannung mitten im Ballungsraum, ein Dorado für Spaziergänger und Radler, für Jogger und Inlineskater. Doch ausgerechnet auf dem Asphalt rings um den Stausee herrscht besonders an Wochenende ein unfeines Gedränge und Geschubse, reich an Ruppig- und Respektlosigkeiten, die schlimmstenfalls in Straftaten gipfeln – so wie vergangenen Sonntag, als Dauerläufer Markus Raspel aus Kray, für den RWE-Marathon trainierend, um kurz vor elf in Höhe der Brehminsel laut eigener Aussage von einem Radfahrer angefahren und verletzt wird.

„Ich hatte gerade zwei Walker überholt, als der Mann mir mit seinem Lenker böse in die linke Seite fuhr“, erzählt der 50 Jahre alte Telekom-Beamte. Die unangenehme Folge: eine äußerst schmerzhafte Prellung am Ellenbogen und eine Woche Krankenschein. Was Raspel dem Rüpel-Raser besonders übelnimmt: „Er hat sich einfach aus dem Staub gemacht.“ Drei Zeugen geben ferner an, dass der Rowdy keine Klingel benutzt hat.

Kombinierter Geh- und Radweg

Der Unfall ereignet sich auf einem kombinierten Geh- und Radweg, der höchstens zwei Meter breit ist: gemessen am immensen Kommen und Gehen ein ziemlich enger Flaschenhals. Noch ein Zufall: Nur ein Paar Hundert Meter zuvor, auf der Freiherr-vom-Stein-Straße nahe dem Regattaturm, hatte Markus Raspel wenige Minuten vor dem Unfall bereits die zweite Begegnung der unheimlichen Art. Weil Unkraut den Weg arg zuwuchert, geht an dieser engen Stelle nur einer durch. Dass sich plötzlich ein Radfahrer mit seiner Klingel bemerkbar macht, empfindet Raspel zunächst noch als korrekt. „Doch dann überholte mich der Radfahrer und beschwerte sich auch noch massiv, dass ich ihm nicht den Weg frei gemacht habe.“

Im Polizeipräsidium wissen sie um das beträchtliche Unfallrisiko auf der Baldeney-Promenade. Und was sagt die Statistik? „20 Unfälle mit Radfahrern in der Zeit zwischen Februar 2014 und August 2015“, sagt ein Sprecher. An sich nicht Besorgnis erregend. Andererseits: Sieben Personen wurden dabei schwer – und 18 leicht verletzt. Und das auf einem kreuzungsfreien Uferweg – einem Idyll ohne Motorräder, Lastwagen und Autos.

Horst vom Knappen (66), ein pensionierter Rettungsassistent der Essener Berufsfeuerwehr, genießt am Baldeneysee die ausgedehnten Spaziergänge mit seinem Labrador-Rüden „Vito“ – und ärgert sich darüber, dass sich die „Ellbogenmentalität“ ausgerechnet hier austobe. „Neulich war ich in Holland, da ging es auf den Geh- und Radwegen wunderbar friedlich zu – warum schaffen wir das bei uns nicht?“ Sein Vorschlag: Radfahrer und Fußgänger trennen. „So wie früher.“

ADFC-Vorsitzender: „Wir müssen mehr Rücksicht aufeinander nehmen“

Radfahrer kontra Fußgänger: Jörg Brinkmann, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), verfolgt den leidigen Dauerkonflikt am Baldeneysee schon seit 30 Jahren. Am Kemnader See haben sie die Promenade unterteilt – hier die Schnellen, dort die Langsamen. „Das haben wir am Baldeneysee schon vor 15 Jahren ausprobiert, aber die weiße Trennlinie hat nicht funktioniert“, sagt er. Allerdings, das räumt auch Brinkmann ein, war damals am Baldeneysee noch nicht so viel los wie heute. Die einst so beliebten geführten Radtouren hat der ADFC deshalb längst eingestellt. „Es ist einfach zu voll.“ Das Hardenbergufer nennt der Radexperte „unfallträchtig“ und auf der Nordseite sieht er immer wieder Radfahrer auf dem Gehweg vor der Tribüne am Regattaturm. Gleichwohl warnt er davor, Radfahrern allein den Schwarzen Peter zuzuschieben. „Ärgerliches Fehlverhalten betrifft alle.“ Erfreulich findet Brinkmann, dass Radsportklubs schon längst aufgehört haben, am See zu trainieren. Lediglich Individual-Rennradler seien dort unterwegs. „Denen geht’s weniger ums Radfahren, sondern ums Sehen-und-Gesehen-werden.“ Als zunehmend problematisches Terrain erweisen sich nach Brinkmanns Beobachtungen die beliebten Radwege auf alten Bahntrassen. Beispiel: Gruga-Radweg oder Rheinische Bahn. „Auf der schmalen Brücke am Niederfeldsee ist es schon zu Beinahe-Unfällen gekommen.“

Als beispielhaft empfindet Rad-Lobbyist Brinkmann den neuen RVR-Radschnellweg nach Mülheim, wo Radler und Fußgänger auf getrennten Spuren unterwegs sind. Auch die gepflasterten Barrieren, die sie am Leinpfad zwischen Werden und Kettwig angelegt haben, gefallen ihm sehr. „Die schlagen so richtig in den Sattel und drücken das Tempo.“ Wie die Polizei mahnt auch Brinkmann: „Wir müssen alle mehr Rücksicht aufeinander nehmen.“