Rudi Löffelsend über Hilfsbereitschaft und „German Angst“

Wolfgang Kintscher
Er hat weltweit Erfahrungen gesammelt, dort hilfreich zur Seite zu stehen, wo Not am Mann ist: Rudi Löffelsend von der Caritas-Flüchtlingshilfe.
Er hat weltweit Erfahrungen gesammelt, dort hilfreich zur Seite zu stehen, wo Not am Mann ist: Rudi Löffelsend von der Caritas-Flüchtlingshilfe.
Foto: FUNKE Foto Services
Rudi Löffelsend, Caritas-Mitarbeiter mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Auslandshilfe, über die Welle der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge, „German Angst“ und die Erkenntnis, dass ein echter Helfer auch lernen muss, mit „Beschiss“ umzugehen.

Essen. Herr Löffelsend, Sie haben ein Berufsleben lang anderen geholfen. Jetzt diese Welle der Hilfsbereitschaft zu erleben – ist das für Sie das höchste der Gefühle?

Rudi Löffelsend: Irgendwo schon. Seit dem letzten Sommer lag das größte Problem für unsere Caritas-Flüchtlingshilfe nicht etwa darin, Helfer zu finden, sondern Helfer nicht zu enttäuschen. Wir mussten die Menge derjenigen, die sich freiwillig gemeldet hatten, entweder unterkriegen oder zumindest weiterleiten – dorthin, wo sie besser aufgehoben sind.

Weil Essen nicht überrollt wurde wie München, wo am Hauptbahnhof jeden Tag hunderte helfende Hände benötigt wurden?

Löffelsend: So ist es. Hier ging und geht es stets schon um gezieltere Einsätze, um eine gewisse Systematik, damit es den Betroffenen auch wirklich hilft. Unser Ziel ist ja nicht die Selbstverwirklichung derer, die es sich in den Kopf gesetzt haben, donnerstags zwei Stunden Flötenkurs im Zeltlager zu geben.

Dabei steht auch da am Anfang doch der gute Wille. Aber wir kennen alle diesen Spruch…

Löffelsend: …dass das Gegenteil von „gut“ nicht „schlecht“ ist, sondern „gut gemeint“, genau. Den Satz habe ich auch schon oft gebraucht.

Aus eigener Erfahrung?

Löffelsend: So ist es. Ich war gerade erst ein paar Monate bei der Caritas, als im November 1980 ein Erdbeben Süditalien erschütterte. Die brauchten dort dringend Winterklamotten, also haben wir alle Pfarreien über ein Rundrufsystem gebeten, Kleidung zu sammeln. Es war, als hätte man bei einem Stausee den Stöpsel gezogen. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um das wieder in die Reihe zu kriegen. Die Klamotten stapelten sich in Turnhallen, in der Tiefgarage des Generalvikariats, und selbst Pfarrer riefen an: „Ich komme nicht mehr in mein Wohnzimmer, alles ist vollgestellt, holense das sofort ab.“

Wer oder was hat Sie gerettet?

Löffelsend: Die Bundeswehr in Kray. Monatelang, mit Lkws und Leuten. Motto des Kommandeurs war: Wenn Sie mich am Abend zuvor um Hilfe bitten, muss ich meine Kommandozentrale fragen, ob ich helfen darf. Wenn Sie mich morgens um zehn vor sieben anrufen, ob ich um sieben einspringen kann, darf ich das selber entscheiden. Da habe ich dann jeden Morgen um zehn vor sieben dort angerufen. Unglaublich, aber es hat funktioniert. Da habe ich viel Lehrgeld bezahlt.

Und gelernt: Nicht einfach drauf los helfen, sondern erst nachdenken?

Löffelsend: Auf jeden Fall, wobei andererseits natürlich auch das Wechselspiel von Versuch und Irrtum gilt. Die Flüchtlinge sind die größte Herausforderung für diese Gesellschaft nach der Flüchtlingswelle infolge des Zweiten Weltkriegs. Nur: Damals waren die Leute a l l e hungrig, jetzt stoßen hungrige obdachlose Flüchtlinge auf eine saturierte satte Gesellschaft. Umso bemerkenswerter, was jetzt passiert.

Wie erklären Sie sich diesen Hilfs-Boom?

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Löffelsend: Viele sind aus ihrem Biedermeier-Tiefschlaf hochgeschreckt und haben eine Möglichkeit gesehen zu helfen. Ohne direkt irgendwo Mitglied zu werden, ohne sich jede Woche treffen zu müssen, um sich dann gemeinsam zu langweilen. Jetzt packen sie mit an, machen was. Fahren Transporte, schleppen Möbel, geben Sprachunterricht. Wir haben einen ganzen Pulk von ehrenamtlichen Lehrern. Und keiner will Geld oder Fahrtkosten.

Also alles eitel Sonnenschein?

Löffelsend: Nicht nur. Es gibt auch diesen Spruch bei uns: Nicht jedes Geschenk ist ein Geschenk. Manchmal kriegen wir Geschirr, das nicht einmal gespült war. Und auch bei Wohnungsauflösungen sortieren wir schon ziemlich hart aus. Wir wollen Sachen, die man Leuten auch noch mit gutem Gewissen für ihre Wohnung geben kann. Denn diese neue Wohnung ist für Flüchtlinge nach manchmal zwei, drei, vier Jahren der erste Ort, an dem sie wieder zur Ruhe kommen können. Und dennoch, bei allen Negativ-Erfahrungen: Das Positive überwiegt.

Berlin macht mit ein bisschen Chaos von sich reden. Und Essen?

Löffelsend: Wir haben den Vorteil einer guten Kooperation mit der Stadt und einen guten Sozialdezernenten, der früh Weichen gestellt hat. Weil er sehr viel Wert auf die Unterbringung in Wohnungen legte und darauf, dass es überall runde Tische gab. Die sind zwar keine Erfindung von Herrn Renzel, aber eine wirklich gute Möglichkeit, ortsnah viele Leute ans Helfen zu kriegen.

Wenn man sieht, was alles möglich war und ist: Ärgern Sie sich, dass mancher so früh abwinkte: Das geht nicht, das überfordert uns?

Löffelsend: Tja, „German Angst“, oder? Es gibt dieses Phänomen bei uns Deutschen. Die Mentalität ist nicht: aufbrechen und sich den Herausforderungen stellen. Es geht darum zu bewahren, zu beschützen, zu verteidigen. Weil wir einen so unendlichen Wohlstand haben.

Bekommen Sie auch schon mal zu hören: Es gibt so viel Not und Elend auch in Deutschland, warum der Zinnober für die Flüchtlinge?

Löffelsend: Ja. Aber wir machen dann deutlich, dass die eine ganz andere Ausgangssituation haben. Wer in Deutschland in Not kommt, für den wird viel getan. Und es gibt nicht einen Obdachlosen, der beim Mittagstisch leer ausgeht, nur weil jetzt Flüchtlinge kommen.

Dennoch hat man hier und da das Gefühl, es wird die eine Not gegen das andere Elend ausgespielt.

Löffelsend: Es gibt tatsächlich Probleme – an anderer Stelle: Wir finanzieren zum Beispiel auch ein Kinderheim in Rumänien, und zwar komplett aus Spenden, 21 Jahre klappt das schon, ein Phänomen. In diesem Jahr haben wir dort natürlich einen herben Einbruch erlebt. Da müssen wir was tun, sonst gehen solche Themen unter. Die Leute spenden eben immer für das, was in der Zeitung steht, was im Fernsehen kommt. Und das auch nur für eine bestimmte Zeit, solange es aktuell ist.

Löffelsend über Begeisterung und Enttäuschungen 

Haben Sie so gesehen Sorge, dass auch bei der Flüchtlingshilfe die Begeisterung irgendwann wieder abflaut?

Löffelsend: Ja, habe ich schon ein bisschen. Anders als so eine Pfarrcaritas-Gruppe, die seit 110 Jahren existiert, aber vielerorts ausstirbt, kommt ein Großteil der Leute in der Flüchtlingshilfe auf Zeit. Die wollen j e t z t anpacken. Es kommt darauf an, wie lange die das durchhalten, wie lange sie einen Sinn darin sehen, oder ob sie der Sache irgendwann überdrüssig sind. Es gibt ja auch Misserfolge.

Nämlich?

Löffelsend: Sprachkurse, bei denen man mit 20 Leuten anfängt, und nach sechs Wochen sind nur noch zehn oder acht Teilnehmer dabei. Einige mussten wieder weg, andere haben einen besseren Kurs gefunden, wieder andere hatten keine Lust mehr. Man muss da schon ziemlich widerstandsfähig sein, sich ehrenamtlich zu engagieren, weil das nicht nur angenehme Erlebnisse schafft. Nicht jeden Tag ist Nikolausfeier.

Und doch spürt man bei vielen die Begeisterung für die Sache.

Löffelsend: Wer einmal mithilft, wird regelrecht infiziert. Denn man wird ja auch bereichert, es ist ja nicht nur so, dass das Mühsal ist und Ärger. Du stößt auf dankbare Leute.

Für einen Hilfeprofi wie Sie ja doch eher Alltag.

Löffelsend: Ich brauch das nicht mit den leuchtenden Kinderaugen und so. Deswegen habe ich auch nie den Nikolaus gemacht und Sachen selber verteilt. Mir ist wichtig, wenn ich hinterher mitkriege: Da hat was geklappt.

Wenn Sie auf die Flüchtlingswelle schauen: Sagen Sie jeden Tag vor sich hin: Wir schaffen das?

Löffelsend: Hm. Ich habe eine Phase gehabt, da habe ich den Satz ergänzt: Wir schaffen das n o c h. Zur Zeit bin ich wieder ein bisschen optimistischer, weil der Druck auch ein wenig nachgelassen hat und die Zahlen sinken. Es gibt noch ganz viele grenzwertige Situationen durch Überforderung in den Ämtern. Nicht weil die Mitarbeiter da so faul wären, im Gegenteil, sondern weil einfach die Fallzahlen zu groß sind, um das mit diesem Personalbestand schaffen zu können.

Immerhin, die Stadt hat mehr Personal zugesagt.

Löffelsend: Und wenn der Stadtrat dann in ein paar Wochen klug beschließt, was die Flächen für neue Siedlungen angeht, dann schaffen wir das auch.

Die bisherige Debatte zeigt: Ein Spaziergang wird das nicht.

Löffelsend: Wenn ich die Argumente höre, warum es hier und da und dort nicht geht, dann wird mir fast schlecht. Wo das Kohlmeisenpärchen und der freie Ausblick wichtiger werden, als Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen.

Sie waren überall, wo Hilfe nötig wurde: von Polen und Albanien über Sri Lanka bis nach Syrien. Wird, wer all dieses Elend sieht, nicht irgendwann depressiv?

Löffelsend: Man muss das immer als Herausforderung verstehen. Wir können ja nicht die Welt retten. Aber schauen Sie sich unser Flüchtlingsdorf NRW im Nord-Irak an, das konnten wir 62 Familien ein neues Zuhause geben, insgesamt 300 Leute von, sagen wir, 150.000, die da in schlechten Verhältnissen leben. Klar könnte man da sagen: Oh, das macht mich aber depressiv, denn 149.700 geht es ja immer noch schlecht. Nee, andersrum: 300 haben wir jetzt erst mal geholfen. Und das mit Signalwirkung auch für andere.

Fühlt sich jemand, der schon so viel geholfen hat, nicht auch schon mal ausgenutzt?

Löffelsend: Ja, klar, das ist normal, das passiert.

Man muss wohl immun gegen Enttäuschungen sein, um dann weiter zu machen?

Löffelsend: Nein, man muss das theologisch sehen. Carl Sonnenschein, der sich als Priester für die Armen im Berlin der 1920er Jahre einsetzte, hat immer gesagt: „Wer noch nie beschissen worden ist, der hat auch noch nie Caritas gemacht.“ Den Spruch habe ich mir sehr gut gemerkt.

Und für Ihre Arbeit heißt das…

Löffelsend: ...dass ich lieber einmal ungerechtfertigt gebe, als dass ich einen wegschicke, der es bitter nötig gehabt hätte. Das gibt dieses Land her.