Rhetorischer Sprengstoff für die Bühne

Sie tragen keine Sprengstoffgürtel und schwingen keine Isis-Fahnen. Und trotzdem bringt das Ensemble der Studio-Bühne mit Albert Camus’ „Die Gerechten“ jetzt ein aktuelles Thema auf die Bühne. Camus’ 1949 uraufgeführtes Stück diskutiert vor den historischen Hintergrund des Attentats russischer Revolutionäre auf den Großfürsten Sergej die Frage nach der Zulässigkeit von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Es geht um Revolution und Liebe und die Frage, ob der Kampf für eine vermeintlich bessere und gerechtere Welt auch das Töten legitimiert.

Das Stück spielt in Moskau, 1905. Ein Trupp von Anarchisten plant das Attentat auf den Großfürsten Sergej. Der Plan misslingt, weil auch Frau und zwei Kinder in der Kutsche sitzen. Statt der Bombe entflammt innerhalb der Gruppe eine hitzige Debatte: Ist der Tod Unschuldiger in Kauf zu nehmen für den großen politischen Umsturz?

Regisseurin Kerstin Plewa-Brodam hat für das anspruchsvolle Debattendrama ein hochkonzentriertes Ensemble versammelt, das auf der kleinen Bühne nicht nur Argumente, sondern echte Haltungen austauscht. Bei Thorsten Simons Terror-Hardliner Stepan wird die revolutionäre Glut von eisiger Überzeugungskraft befeuert, während Sebastian Hartmanns Attentäter Kaljajew auch mit dem Hals in der Schlinge immer noch erhobenen Hauptes argumentiert, aus tiefster Überzeugung. Tim Voss und Richard Wilke komplettieren souverän die Revoluzzer-Truppe,während Karsten Job den Auftritt des Polizeichefs Skuratow mit rhetorischer Raffinesse ausstattet und Kalle Spies als gewissenloser Mithäftling Foka eine Erscheinung ist. Die Frauenrollen sind mit Aless Wiesemann als leidenschaftlich-bedachte Vorkämpferin und Ann-Kathrin Hundt als gottesfürchtige Großfürstin ebenfalls eindrucksvoll besetzt. Die klassisch-schlichten Kostüme von Anke Kortmann geben dem intensiven Auftritt den letzten Schliff.