Radfahrer in Essen leben trotz Investitionen in Radwege gefährlich

Marcus Schymiczek
Auf der Rüttenscheider Straße haben es Radfahrer nicht leicht. Foto: Kerstin Kokoska
Auf der Rüttenscheider Straße haben es Radfahrer nicht leicht. Foto: Kerstin Kokoska
Foto: WAZ FotoPool

Essen. Wie "fahrradfreundlich" ist die Stadt denn wirklich? Eine Testfahrt, 20 Jahre nach der wenig schmeichelhaften Auszeichnung mit der "Rostigen Speiche" für die fahrradunfreundlichste Stadt Deutschlands, zeigt: Es gibt in Essen noch viel zu verbessern.

Vor 20 Jahren durfte Oberstadtdirektor Kurt Busch die „Rostige Speiche“ aus den Händen von Umweltminister Klaus Töpfer entgegen nehmen. Es war die wenig schmeichelhafte Auszeichnung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) für die fahrradunfreundlichste Stadt der Republik.

Das ist lange her. Heute darf sich Essen „Fahrradfreundliche Stadt“ nennen und rühmt sich für die viele neuen Radwege. Aber wird die Stadt ihrem eigenen Anspruch gerecht? Die WAZ hat die Probe aufs Exempel gemacht. Soviel sei vorweg genommen: Die Stadt hat die Rostige Speicher aufpoliert. Hier und dort hat sie Flugrost angesetzt. Und es gibt genügend Stellen, an denen ein kräftiges Scheuermittel nötig wäre.

Unsere Tour führt einmal durch die Stadt vom Süd-Osten in den Nordwesten, von Kupferdreh nach Borbeck und - mit einem Abstecher über Altenessen - wieder zurück. Es mag andere Strecken geben, gefährlichere und solche, die sicherer und einfacherer zu fahren sind.

Radweg an der RÜ ist gefährlich

Unsere beginnt auf der Langenberger Straße. Kupferdreh liegt zwar an der Ruhr, der Leinpfad beginnt erst auf Höhe der Roten Mühle am Heisinger Ufer und endet auf der Maria-Juchacz-Straße, an deren Ende einem der Autoverkehr bedrohlich nah zu kommen scheint. Doch der Weg aus dem Ruhrtal in Richtung Innenstadt gehört zu den beliebtesten Routen der Stadt. Grund ist die zur „Radler-Autobahn“ umgebaute Gruga-Trasse, die Radfahrer nach vier Kilometern nach Rüttenscheid führt. Related content

Die schöne neue Radfahrerwelt endet abrupt an der „Rü“. Radler haben hier die Wahl zwischen der vielbefahrenen Straße und einem viel zu schmalen Radweg. Der schlängelt sich vorbei an Ladenlokalen und Café-Tischen. Fußgänger schlendern über den rot markierten Streifen. Abends wird das Trottoire zur Piste für Nachtschwärmer, dann ist kaum noch ein Durchkommen. An den Straßeneinmündungen kommt es auch tagsüber immer wieder zu gefährlichen Situationen mit abbiegenden Autos, die Radfahrer auf den kombinierten Rad/Gehwegen einfach nicht wahrnehmen. Gut, dass die Stadt Konsequenzen zog, und diese Wege nicht mehr baut.

Radweg endet im Nirwana

Vor der Siechenkapelle endet der Radweg unvermittelt im Nirwana. Ein Taxi steht auf dem Bürgersteig. Abrupter Satz auf die Fahrbahn - direkt vor ein Auto, das glücklicherweise rechtzeitig bremst. Großes Kino. Erst vor dem Glückaufhaus taucht wieder ein Radstreifen auf. Aber auf der Huyssenallee parken Autos auch links davon. Wenn jetzt ein Beifahrer die Tür öffnet...

An der „Freiheit“ vor dem Hauptbahnhof nehmen Autofahrer Radfahrer in die Mitte. Dafür geht’s auf dem eigenen Streifen sicher durch die düstere Bahnhofsunterführung.

Am Willy-Brandt-Platz weisen Hinweisschilder den Weg durch die Innenstadt: rotes Fahrrad auf weißem Grund. Die Kettwiger Straße bleibt tabu. Rathenaustraße, Grillo-Theater, Kennedyplatz... Augen auf! Die „City-Route“ schlägt überraschende Haken.

Eine Handbreit Abstand

Kurzer Abstecher zum Berliner Platz: Auch hier geht’s rund, seit die Stadt einen Kreisverkehr gebaut hat. Weil es sicherer ist, dürfen Radler auf den breiten Gehwegen fahren. Wer weiß das schon? An den geschätzten 50 Fahrradständern vor dem „Limbecker Platz“ haben nur zwei Räder „festgemacht“.

Weiter über die Friedrich-Ebert-Straße. Auch die wurde umgebaut. An Radfahrer haben die Planer nicht gedacht, es gibt weder Weg noch eigene Spur. Aber es sind ja nur ein paar Pedaltritte bis zum Universitätsviertel und zur „Rheinischen Bahn“.

Wer sich mit dem Rad gen Westen noch über die Altendorfer Straße quält, ist selber schuld. Denn der Regionalverband Ruhr hat die ehemalige Bahntrasse zum Boulevard für Radfahrer umgebaut. Nur wo dieser den Berthold-Beitz-Boulevard kreuzt, könnte es mangels Brücke einmal kritisch werden. Noch herrscht dort wenig Verkehr. Related content

Die „Fahrradfreundliche Stadt“ wird zur Karikatur

Weiter geht es auf der Trasse. Kurz hinter dem alten Bahnhof Altendorf führt ein stillgelegter Gleisabzweig nach Borbeck. Ein Kleingärtner hat Schwarz-Rot-Gold gehisst. Auch der RVR zeigt Flagge, das Schotterbett ist freigeschnitten. 2012 könnten Radfahrer bequem bis in den Bahnhof Borbeck radeln: Ankunft an Gleis 3.

Noch führt der Weg über die Wüstenhöferstraße. Wie auf Wellen geht es auf und ab. Sollte hier tatsächlich das neue Schwimmbad für den Nordwesten gebaut werden - ein Radweg wäre Pflicht.

Dass es schlimmer kommen kann, zeigt der Abstecher über die Hauptroute nach Altenessen. Die „Fahrradfreundliche Stadt“ wird zur Karikatur. Gefangen zwischen Lkw und Kleintransportern geht es die Bocholder Straße entlang. Ein Müllwagen blockiert die Fahrbahn, ein Golf-Fahrer mit nervösem Fuß auf dem Gaspedal setzt zum Überholen an und hält dabei kaum eine Handbreit Abstand. Und auf der Hövelstraße will ein Sattelzug ihn noch weiter unterbieten.

Erst kurz vor der Altenessener Straße taucht ein Radfahrstreifen auch. Rechts ab in die Bäuminghausstraße, links hinein in die Ellernstraße, vorbei an Kleingärten und dem „Institut für experimentelle Mathematik“ der Uni. Die Radwegeplaner mussten reichlich Gehirnschmalz darauf verwenden, Radfahrer sicher in die Innenstadt zu leiten, die am Ausgang der Altenessener Straße wieder auftaucht. Ab Hauptbahnhof lockt die Alternative für den Rückweg: eine Fahrt mit der S 9. Fahrräder darf man gegen Aufpreis mitnehmen. Related content