Radfahrer erobern die Einbahnstraßen in Essen-Kettwig

Freie Fahrt für Radler: Das gilt neuerdings auch in acht Einbahnstraßen in Essen-Kettwig – wie hier beim Kringsgat.
Freie Fahrt für Radler: Das gilt neuerdings auch in acht Einbahnstraßen in Essen-Kettwig – wie hier beim Kringsgat.
Foto: WAZ FotoPool
Überall in Essen dürfen die Radfahrer Einbahnstraßen in beiden Richtungen befahren. Nur die beiden Bezirke im Süden der Stadt machten bislang bei der großzügigen Regelung nicht mit. Das wird sich nun ändern: In Kettwig hat die Stadt schon neue Schilder montiert.

Essen-Kettwig. Autofahrer, die in Essen-Kettwig unterwegs sind, müssen sich auf ungewohnte Begegnungen einstellen: Neuerdings sind dort acht Einbahnstraßen in der Gegenrichtung für Radfahrer freigegeben. Man könnte das für einen alten Hut halten; immerhin dürfen Radler gut 260 der 558 Einbahnstraßen im Stadtgebiet beidseitig befahren – und das zum Teil schon seit vielen Jahren.

Zwei der neun Stadtbezirke aber hatten sich dem Trend bislang beharrlich verweigert: Bezirk IX, der neben Kettwig auch Schuir, Heidhausen, Werden, Fischlaken, Bredeney umfasst und Bezirk VIII, die Ruhrhalbinsel; allesamt bei Ausflüglern sehr beliebte Stadtteile. So klagt der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs in Essen, Jörg Brinkmann: „Ausgerechnet da, wo am Wochenende der Papst boxt, blieben Einbahnstraßen tabu, weil es die politisch Verantwortlichen nicht wollten.“

Vor 20 Jahren wurde in Essen die ersten Einbahnstraßen für Radler geöffnet

Wie es dazu kam, kann der städtische Fahrradbeauftragte Christian Wagener erklären. Die ersten Einbahnstraßen hat Essen vor genau 20 Jahren für Radler geöffnet, damals richtete man dazu eigene Radwege auf den Bürgersteigen ein, weil die Straßenverkehrsordnung die Freigabe der Fahrbahn untersagte. Essen gab sich fortschrittlich, „auch weil wir uns 1994 um die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft (AG) fahrradfreundlicher Städte bewarben, die 1995 gelang“, so Wagener.

Nach erfolgreichen Pilotversuchen in anderen Teilen des Landes wurde die Straßenverkehrsordnung 1997 dann so geändert, dass Städte ihre Einbahnstraßen nach entsprechender Prüfung für Radler öffnen können. Die Essener Verwaltung nahm den Ball auf und bat die Bezirksvertretungen, Vorschläge einzureichen. Die meisten Stadtteilpolitiker erteilten rasch den Auftrag, alle Einbahnstraßen in ihrem Umfeld zu prüfen, allein die Süd-Bezirke VIII und IX duckten sich weg.

Sicherheitsgewinn und Zeitvorteil für die Radfahrer

Und so fuhr Christian Wagener gemeinsam mit je einem Kollegen von Polizei und Straßenverkehrsbehörde überall sonst die in Frage kommenden Einbahnstraßen ab. 16 Hauptverkehrsrouten schieden von vornherein aus, bei 450 prüfte das Trio Breite der Fahrgasse, Gefälle, Übersichtlichkeit, Verkehrsmenge und Ausweichmöglichkeiten. Im Jahr 2012 legte man dem Verkehrsausschuss eine vorläufige, höchst positive Bilanz vor, wonach die Regelung das Radfahren nicht nur attraktiver, sondern sogar sicherer mache: „Neben dem Zeitvorteil ergibt sich für den Radverkehr [...] in vielen Fällen auch ein Sicherheitsgewinn, weil eine Umfahrung des Wohnquartiers über Hauptverkehrstraßen mit erheblich höheren Verkehrsbelastungen vermieden werden kann“, heißt es in der Vorlage.

Die Polizei meldete für einen Zeitraum von fünf Jahren nur sechs Unfälle mit Radlern in Einbahnstraßen. „Und keiner hatte mit der Neuregelung zu tun“, so Wagener. Vielmehr waren die Radfahrer in diesen Fällen entweder auf dem Gehweg unterwegs – oder betrunken.

Anders als oft angenommen, begegneten sich Autofahrer und Radler in Einbahnstraßen grundsätzlich sicher, „einfach weil sie sich dort sehr gut sehen“, sagt Wagener. Es war aber nicht diese Einsicht, die zum Umdenken in Essens Süden geführt hätte. Vielmehr beschied das Rechtsamt, dass die Stadteilpolitiker gar nicht über die Einbahnstraßen befinden dürfen: Das ist Sache der Straßenverkehrsbehörde. Also ist Wageners Team nun im Süden unterwegs: „Die fehlenden Stadtteile kommen in diesem Jahr dran.“

 
 

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