"Putzen für Bier" - Teilnehmer rühren Alkohol nicht an

Jörg Maibaum
Im Keller der Suchthilfe lagern die unangetasteten Biervorräte. Projektleiter Oliver Balgar ist bislang rundum zufrieden mit dem bisherigen Verlauf von „Pick up“.
Im Keller der Suchthilfe lagern die unangetasteten Biervorräte. Projektleiter Oliver Balgar ist bislang rundum zufrieden mit dem bisherigen Verlauf von „Pick up“.
Foto: Essen
Statt "Putzen für Bier" heißt es Putzen ohne Promille: Beim Freibier-fürs-Fegen-Projekt in Essen ist Überraschendes passiert: Bislang haben die Teilnehmer keine einzige Gratis-Flasche geöffnet. Doch nicht nur deshalb ist Oliver Balgar von der Suchthilfe angetan.

Essen. Von wegen Prost und dann mal schnell wech damit: 20 Kisten „Stern“ stehen im Lager der Suchthilfe an der Hoffnungstraße und niemand packt sie an. Und das ist in diesem Fall wirklich keine Geschmacks-, sondern reine Willenssache. Keine einzige Flasche haben die Teilnehmer des international beäugten Pick up-Modells seit dem Start im Oktober geöffnet. Die Maßnahme für Suchtkranke und mehr Sauberkeit hat eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: Beim Freibier fürs Fegen-Projekt heißt es jetzt eher Putzen ohne Promille. Und das, sagt Oliver Balgar von der Suchthilfe, haben sich die sechs Teilnehmer, die seit nunmehr acht Wochen die Innenstadt von dem Müll ihrer eigenen Szene und anderen City-Besuchern befreien, selbst ausgedacht.

Aus Gründen der Solidarität: Weil zwei ihrer Arbeitskollegen mit dem Drogenersatzstoff Methadon behandelt werden und deshalb auf ein Bier zum Besen verzichten müssen, hat der Rest der Gruppe kurzerhand beschlossen: Dann trinken wir eben auch nicht, solange wir zusammen sind. Das beweist Stärke.

Man will auf zehn Mitstreiter aufstocken

Doch nicht nur das hat die Truppe, die inzwischen täglich bis zu vier Stunden auf Achse ist, auf die Beine gestellt. Die meisten schaffen es tatsächlich, jeden Morgen pünktlich und regelmäßig zum Dienst zu erscheinen. Eine beachtliche Leistung für Menschen, die vor dem „Pick up“-Start in den Tag hinein lebten, die Drogen und Alkohol in mehr als ungesunden Mengen konsumierten, und schon beim Gedanken an körperliche Anstrengung Angst vor einem Schwächeanfall bekamen.

Mit einer solch positiven Entwicklung hat selbst Projektleiter Oliver Balgar wirklich nicht gerechnet. Groß waren im Vorfeld die Fragezeichen, ob sich überhaupt genug Teilnehmer finden. Inzwischen will man auf zehn Mitstreiter aufstocken. Noch größer waren die Vorbehalte derer, die kritisierten, das Vorhaben der Suchthilfe fördere die Abhängigkeit doch nur. Doch jetzt ist sogar Abstinenz zu sehen.

Passanten zeigen sich sehr dankbar

Die Teilnehmer haben eine „tolle Entwicklung genommen“, was für Oliver Balgar Grund genug ist für einen gar nicht so nüchternen Satz: „Ich bin rundum zufrieden“, sagt der Projektleiter mit Blick auf den bisherigen „Pick up“-Verlauf.

Andere mögen es vielleicht auch sein, doch sie zeigen es nicht: Von den Einzelhändlern und Geschäftsleuten, die sich am lautesten über die Auswüchse der Sucht-Szene auf dem Willy-Brandt-Platz beschwerten, habe es noch keine positive Rückmeldung gegeben, sagt Balgar. Die würde man sich durchaus wünschen, zumal der Wandel zum Besseren in der Innenstadt unübersehbar sei. In der Tat: Entlang der Reinigungs-Routen ist die City sichtbar sauberer geworden. Was nicht wundert angesichts der Mengen von Müll, die die Aufpicker unter den Augen ihres Aufpassers Tag für Tag zusammentragen: Einmal in der Woche ist ein großer Container vonnöten, um den ganzen Unrat abzutransportieren.

Während die Anerkennung der Kaufmannschaft noch auf sich warten lässt, sparen Passanten nicht mit Lob, wenn sie die Reinigungs-Riege sehen, die bereits vier verlorene Geldbörsen aus den Gebüschen gefischt hat. Eine Besitzerin zeigte sich erkenntlich und spendete einen Finderlohn – aus schlicht überschäumender Dankbarkeit.