Predigt gegen IS-Terror in Fatih-Gemeinde in Essen

Vor dem Beginn des Freitagsgebets ist es noch leer in der Fatih Moschee. Später sitzen die Männer dicht gedrängt.
Vor dem Beginn des Freitagsgebets ist es noch leer in der Fatih Moschee. Später sitzen die Männer dicht gedrängt.
Foto: Kerstin Kokoska
Die Fatih-Gemeinde in Katernberg und andere Moscheen in Essen verurteilten am Freitag die Taten des IS im Nahen Osten. Sie nahmen an einem bundesweiten Aktionstag teil. Im Rahmen dessen wurden in zahlreichen Moscheen in Deutschland ähnliche Texte verlesen.

Essen. Yusuf Görgülü steht auf der großen Kanzel im Gebetsraum der Fatih Moschee in Katernberg. In dem Raum mit seinen kunstvollen Verzierungen, dem edlen Teppich und dem riesigen Kronleuchter in der Mitte sitzen die Besucher des Gottesdienstes dicht gedrängt nebeneinander. Es sind ausschließlich Männer. Der junge Imam wirbt in seiner Predigt für Toleranz, Respekt und Religionsfreiheit – und spricht sich gegen den Terror aus, der vom so genannten „Islamischen Staat“ (IS) seit Monaten vor allem im Irak und in Syrien verübt wird.

Görgülü hielt seine Predigt im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages, an dem am Freitag hunderte Moscheen in ganz Deutschland teilgenommen haben sollen. Während der Freitagsgebete wurde in den Gotteshäusern ein Text mit jeweils ähnlichem Inhalt verlesen. Auch die rund zwanzig muslimischen Gemeinden in Essen verurteilten Hass und Terror im Islam. Zudem sollte mit der Aktion ein Zeichen gegen die jüngsten Brandanschläge auf Moscheen und Synagogen gesetzt werden.

Die Predigt wird auf Deutsch gehalten

„Das ist sehr wichtig für uns, weil Terror und Islam keineswegs etwas miteinander zu tun haben“, sagt der erst 20 Jahre alte Görgülü, der in Essen geboren ist und in wenigen Wochen sein Imam-Studium in Istanbul beginnt. Görgülü erklärt es mit Worten aus dem Koran, denn dort heißt es: „Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Menschheit und wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit.“

Vor der türkischen Fatih-Gemeinde predigt Görgülü auf Türkisch, Arabisch und Deutsch. Das werde seit einem Jahr bei jedem Freitagsgebet so gemacht, sagt er, denn nicht alle Mitglieder sprechen Türkisch. Der Imam – auch als Vorbeter bezeichnet – betont die Wichtigkeit von gegenseitiger Akzeptanz und dem Respekt der Menschen untereinander. Er spricht von Liebe und verabscheut den Hass, den der IS im Nahen Osten verbreitet. „Unsere Religion wird von bestimmten Gruppen instrumentalisiert.“

Gleich zu Beginn geht Görgülü auf das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland ein. Basis dafür sei die Notwendigkeit des Kennenlernens. „Das bedeutet auch, unsere Religion noch besser vorzustellen“, richtet er einen Appell an die Gemeinde.

„Ich bin kein Mörder“

Sekunden nach dem Ende der Predigt stürmt Mehmet Esr aus dem Gebetsraum. Der ältere Mann ist sichtlich aufgebracht. „Was im Irak passiert, ist Terrorismus, kein Islam“, sagt der Türke, der seit über fünfzig Jahren in Gelsenkirchen wohnt. Er kann seine Tränen nicht zurückhalten. „Ich bin kein Mörder, ich liebe alle Menschen.“

Nach dem Gottesdienst bleiben viele auf einen Tee. In Unterhaltungen sprechen sich die Gemeindemitglieder eindeutig gegen die Terrorakte aus. „Wer will schon Krieg?“, fragt Cetin Akaman Oglu rhetorisch. „Wir fühlen uns alle betroffen“, sagt ein anderer Moschee-Besucher. Es ist aber auch Misstrauen zu spüren, gegenüber den Medien, gegenüber den USA.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hatte sich vor einigen Wochen noch „verständnislos“ gezeigt, dass sich die „islamischen Religionsführer“ in Deutschland nicht zu den Geschehnissen im Nahen Osten geäußert haben. Azzadine Karioh will die Aktion vom Freitag aber nicht von Overbecks Aussagen beeinflusst sehen. „Wir sind selbstbewusst genug und brauchen keine Nachhilfe“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Kommission Islam und Moscheen in Essen. Karioh, dessen Großeltern aus Marokko stammen, freut sich, dass die Moscheen ein offensives Zeichen gesetzt haben. „Durch solche Aktionen lernen Muslime, dass auch sie Verantwortung für dieses Land tragen und halten sich nicht mehr zurück.“

 
 

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