Polizeiseelsorge NRW im Bistum Essen feiert 50. Geburtstag

Katholische Polizeiseelsorge Bistum Essen, Dipl. Theol. Marcus Freitag Polizeiseelsorger / Pastoralreferent ( links) im Gespräch im Raum der Stille Freitag der 29.06.2012
Katholische Polizeiseelsorge Bistum Essen, Dipl. Theol. Marcus Freitag Polizeiseelsorger / Pastoralreferent ( links) im Gespräch im Raum der Stille Freitag der 29.06.2012
Foto: WAZ FotoPool
Die Polizeiseelsorge NRW feiert am Montag 50-jähriges Bestehen. Pastoralreferent Marcus Freitag spricht über den steigenden Bedarf und mögliche Ursachen in zwölf Jahren Berufserfahrung im Bistum Essen. Er hilft den Gesetzeshütern in schwierigen Situationen, wie etwa nach der Loveparade-Katastrophe.

Essen.. Die Polizei – dein Freund und Helfer, heißt es so schön. Aber wer hilft den Gesetzeshütern, wenn sie diese selbst benötigen? Wenn sie Angehörigen eine Todesnachricht überbringen müssen, wenn eigene Kollegen Opfer einer Messerattacke wurden, wenn sie nach Krisensituationen wie der Loveparade 2010 selbst in Krisen geraten? Pastoralreferent Marcus Freitag über wachsenden Bedarf in 50 Jahren Polizeiseelsorge und warum der „Raum der Stille“ seinen Namen wirklich verdient.

Während sich Polizeibeamte früher mit der „Stell dich nicht so an“-Strategie durchschlugen, ist spätestens seit dem 2. Juli 1962 für professionellen seelischen Beistand gesorgt: Heute vor genau 50 Jahren unterschrieben das Land NRW und die beiden großen christlichen Kirchen einen Vertrag. „Die Seelsorge gibt es eigentlich schon viel länger“, erklärt Diplom-Theologe Freitag. Vorher sei es eben ein rein kirchlicher Auftrag gewesen, sie wurden nur „nach Bedarf“ von der Polizei angefordert.

"Arbeitsbelastung ist immens gestiegen"

Seit 1962 sind die Seelsorger eine feste Institution, ihre Zugehörigkeit erkennbar an Dienstkleidung und -ausweis, ihr Autrag ist zusätzlich der Berufsethik-Unterricht für den Polizeinachwuchs. Seit zwölf Jahren macht Freitag das hauptamtlich für das Bistum Essen, „ich wollte immer Lehrer werden“, sagt der 45-Jährige. Tatsächlich studierte er neben Theologie in Münster auch noch Geschichte und Philosophie auf Lehramt, arbeitete aber zunächst als Pastoralreferent in Bochum. Er hat die gleiche Ausbildung wie ein katholischer Priester, aber: „Als verheirateter Mann mit zwei Kindern stehe ich den Polizeibeamten näher als ein Priester. Ich kenne ihre Sorgen.“

Wenn man den Diplomtheologen fragt, steigt der Bedarf nach Seelsorge seitens der Polizei stetig. „Ihre Arbeitsbelastung ist immens gestiegen; man kann nicht alle Sorgen abends mit der Uniform abstreifen.“ Und obschon Polizisten bei der „Bürgerbefragung öffentlicher Dienst 2011“ in der Beliebtheits-Skala auf dem vierten Platz (!) landeten, sinkt die Akzeptanz seitens der Bevölkerung nach Ansicht von Freitag: „Die jungen Beamten, die nach ihrer theoretischen Ausbildung in die Praxis kommen und bei Demonstrationen von Gleichaltrigen mit Steinen beworfen werden, verstehen plötzlich die Welt nicht mehr.“

Langfristige Unterstützung im Fokus

Natürlich kann Freitag als Dozent die Auszubildenden nicht auf alles im Unterricht vorbereiten. Im Gegenteil: „Ihre erste Leiche müssen sie schon selbst erleben,“ meint der 45-Jährige. Was jetzt amüsant klingt, ist nicht für jeden lustig. Viele hätten mittlerweile gelernt, dass es nicht gut ist, solche Dinge nicht zu verarbeiten. Und da kommt die Seelsorge ins Spiel, „wir sind nicht akut im Einsatz, dafür gibt es die 24-Stunden-Notfall-Seelsorge von den Kollegen der Feuerwehr. Unsere Aufgabe ist eher die langfristige Unterstützung“.

„Seelsorge funktioniert unterwegs“

Vor allem nach einschneidenden Vorfällen wie der Loveparade 2010 oder der Messerattacke auf zwei Polizeibeamte in Gelsenkirchen im August 2011 durch einen jungen Mann, der einen Verkehrsunfall meldete und dann auf zwei Zufallsopfer wartete, das sind Fälle für Marcus Freitag: Selbst beim Jahrestag des Loveparade-Unglücks waren sie noch mit sechs Seelsorgern vor Ort. „Seelsorge funktioniert unterwegs“, so Freitag. Noch nie habe er ein Gespräch im Präsidium geführt, nur ein einziges Mal in seinem Büro an der Porschekanzel. Meistens kommt , beim Spazierengehen, Kaffeetrinken oder bei Trainingseinheiten der Polizeikollegen ins Gespräch. Vor allem im Nachtdienst, im Schutze der Dunkelheit, vertrauen sich ihm die meisten an.

Der „Raum der Stille“, der in jedem Präsidium extra für solche Momente vorgesehen ist, bleibt fast immer leer. Für viele reicht wohl die Gewissheit, dass es ihn gibt. Und Menschen wie Marcus Freitag.

 
 

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