Polizei - keine Anzeichen für mehr Gewalt am Essener Bahnhof

Dominika Sagan
Laut Essener Bundespolizei gibt es keine Anzeichen für überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte.
Laut Essener Bundespolizei gibt es keine Anzeichen für überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte.
Foto: WAZ FotoPool
Die Essener Bundespolizei meldet immer mehr Überfälle an Bürgern in letzter Zeit. Insbesondere im Umfeld des Hauptbahnhofs scheint die Kriminalität zu steigen. Trotz sich häufender Berichte über Gewaltdelikte möchte die Bundespolizei nichts von einem Sicherheitsproblem wissen.

Essen. Ein 24-Jähriger überfallen, eine Schülerin verprügelt, ein Polizist verletzt, meldet die Bundespolizei in jüngster Zeit. Und sagt: Kriminelle Gruppen gibt es nicht.

Sebastian Wüllner (Name geändert) wollte am Hauptbahnhof die U-Bahn nehmen. Das war vergangene Woche, gegen 21.30 Uhr. „Auf der Rolltreppe packten mich plötzlich zwei von hinten“, erzählt der 24-Jährige. Sie hielten ihn fest, der dritte Jugendliche habe immer wieder zugeschlagen, dann flüchteten sie mit seiner Geldbörse. Auf den Bahnhof traut er sich seitdem nicht mehr, aus Angst, die Täter könnten noch mal zuschlagen.

Bundespolizei berichtete immer wieder von Überfällen

Diesen Verdacht bestätigt die zuständige Bundespolizei jedoch nicht: „Es gibt keine Gruppen, die in dem Bereich wiederholt auffallen“, sagt Sprecher Volker Stall: „Es gibt kein Sicherheitsproblem und auch nicht überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte, da ist in anderen Städten schon mehr los“, sagt Stall. Auch die Trinker- und Drogenszene sei rund um den Bahnhof nicht ausgeprägt.

In den vergangenen Wochen jedoch hat die Bundespolizei immer wieder von Überfällen berichtet: So bedrohte ein 28-Jähriger einen Polizisten mit dem Tod. Ein 26-Jährige rastete aus, so dass ein Beamter nach dem Angriff den Dienst abbrechen musste. Ein Paar versuchte, einen 76-Jährigen in der Bahnhofsmission auszurauben. Ein 19-Jähriger kassierte Prügel, weil er einer Schülerin helfen wollte, die bedrängt wurde. Eine 14-Jährige wurde von einer siebenköpfigen Bande bedrängt und geschlagen.

Alkohol spielt regelmäßig eine Rolle

„Für relativ wenig Nachtleben ist in Essen ein bisschen viel los“, findet Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn im Vergleich zu Oberhausen, Bochum oder Düsseldorf. Und erklärt: „Je belebter ein Bahnhof ist, desto weniger Kriminalität passiert.“ Was diese in Essen auch begünstigt, sei die fehlende Transparenz der Architektur: „Sie kommen rein und müssen zum Bahnsteig drei Mal um die Ecke und durch schmale Nebengänge.“

Zu den Tätern erklärt Volker Stall: Probleme bereiten nicht bestimmte Banden, sondern vielmehr Feiernde am Wochenende, das seien unterschiedlichste Leute. „In der Regel sind die Tatverdächtigen verschiedene Personen.“ Regelmäßig spielt Alkohol eine Rolle. „Da kann es zu Gewaltkonflikten kommen“, sagt Stall. Das passiere nicht jedes Wochenende. Den Gewaltdelikten steuere die Bundespolizei mit Präsenz und Prävention entgegen, „um mögliche Konfrontation im Keim zu ersticken“. Acht Kräfte sind 24 Stunden täglich im Einsatz, von denen vier am Hauptbahnhof bleiben, vier fahren Streife zu Haltepunkten der Bahn. Jedes Wochenende kommen sechs Kollegen von der mobilen Kontroll- und Überwachungseinheit hinzu, sagt Stall.

Familie Wüllner beruhigt das derzeit nicht. Die Mutter des Opfers hätte sich auch Zivilcourage gewünscht, jemanden, der die Polizei ruft: „Ich habe meinem Sohn geraten, den Bahnhof zu meiden.“

Alleinsein vermeiden

Auch Sicherheitskräfte der Bahn sind rund um die Uhr im Hbf, sagt ein Sprecher: „An den Wochenenden wird die Präsenz in den Nachtstunden durch zusätzliche Sicherheitskräfte verstärkt. Eine 100-prozentige Sicherheit ist nicht zu gewährleisten. Einzelfälle wie der aufgeführte lassen sich daher nie in Gänze vermeiden. Die Bahn ist sicher.“

Von allen Gesamtdelikten (Diebstahl, Sachbeschädigung, Beleidigung, Übergriffe usw) seien bei 100.000 Reisenden lediglich zwei betroffen. In Randzeiten (Nachtstunden ohne durchgängigen Verkehr) „trägt jede Art von sozialer Kontrolle (z.B. Service-Mitarbeiter, Pächter, Sicherheitskräfte) zur Verringerung von Straftaten und zur Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls bei. Auch wenn wir im Hbf Essen kein spezielles Problem in den Nachtstunden haben, können sich Reisende durch das Vermeiden von ‘Alleine sein’ evtl. Gefahrensituationen entziehen.“