„Plätze für Deutsche reserviert" – gewagtes WDR-Experiment in Evag-Bus

Der Regisseur der Dreharbeiten, Dirk Gion, wurde selbst schauspielerisch tätig – und verwies Fahrgäste auf gefälschte Hinweise. Auch die Fahrgäste sind Schauspieler.
Der Regisseur der Dreharbeiten, Dirk Gion, wurde selbst schauspielerisch tätig – und verwies Fahrgäste auf gefälschte Hinweise. Auch die Fahrgäste sind Schauspieler.
Foto: FUNKE Foto Services
Versteckte Kameras, Schauspieler, gefälschte Aufkleber: Der WDR filmte in einem Bus der Evag in Essen, wie Fahrgäste reagieren, wenn Ausländer „nur noch hinten“ sitzen dürfen.

Essen.. Dienstagmittag in der Buslinie 160, irgendwo in Essen-Bergerhausen, der Bus ist gerammelt voll, viele müssen stehen. Plötzlich fordert ein deutscher Mann zwei Männer mit schwarzer Hautfarbe, die weiter vorne sitzen, auf: „Ich möchte hier gerne sitzen. Sie sitzen auf einem Platz für Deutsche. Setzen Sie sich gefälligst nach hinten!“

Lokales Nach wenigen Sekunden bekommen alle den Vorgang mit, der Deutsche insistiert: „Sehen Sie die Aufkleber nicht? Das ist hier Vorschrift!“ Viele Fahrgäste sind irritiert, eine Frau rennt verunsichert zum Fahrer, ruft: „Was soll das denn!?“ Zwei weitere Frauen, die an der hinteren Bustür stehen, versuchen, den Deutschen zu bremsen, rufen quer durch den Bus: „Sag’ mal, geht’s noch! Setz’ dich gefälligst woanders hin! Lass die Leute in Ruhe!“ Eine Frau ruft voller Wut: „Ist das jetzt hier ,Versteckte Kamera’, oder was!“

Aufkleber: „Plätze sind für Inhaber/innen eines deutschen Personalausweises reserviert“

Da hatte sie Recht, in gewisser Weise. Der Evag-Bus, ausgestattet mit mehreren versteckten Kameras und einem halben Dutzend Schauspielern an Bord, war am Dienstag Schauplatz eines „Sozialexperimentes“, das eine Essener Fernseh-Produktionsfirma für den WDR durchgeführt hat. Eine neue Wissens-Sendung, die im August ausgestrahlt werden soll, untersucht das Verhalten von Unbeteiligten – mit Tests wie diesen. Der Mann, der die afrikanischen Fahrgäste auffordert, den Sitz zu wechseln – alles nur eine Inszenierung.

„Zwei Tage lang haben wir den Bus präpariert“, berichtet Evag-Sprecher Olaf Frei. Amtlich aussehende Aufkleber mit dem Text „Diese Plätze sind für Inhaber/innen eines gültigen deutschen Personalausweises reserviert“ waren an den vorderen Sitzen angebracht worden; im Sitzbereich hinter der hinteren Bustür stand großformatig: „Ausländer und Asylbewerber benutzen bitte nur die hinteren Sitzreihen!“

„Vor allem Frauen ergreifen sofort Partei für die Diskriminierten.“

Einen halben Tag lang fährt der Bus so zwischen Borbeck und Stoppenberg. „Es gibt keinen Durchgang, bei dem nicht sofort Bürger eingeschritten wären“, berichtet Regisseur Dirk Gion, der sich selbst am Schauspiel beteiligt. „Man kann sagen, dass die Essener Bürger sich öffentliche Diskriminierung nicht gefallen lassen.“

Das Vorhaben wird wissenschaftlich begleitet von einem Bielefelder Institut für Konfliktforschung; dessen Mitarbeiterin Madlen Preuß stellt fest: „Vor allem Frauen ergreifen sofort Partei für die Diskriminierten. Das ist wissenschaftlich belegt, und auch heute können wir es wieder beobachten.“

Doch auch ein älterer Mann habe sofort seine Meinung kundgetan: „Ich bin Jahrgang ‘35, ich will nicht, dass das Braune System wiederkommt“, habe er durch den Bus gerufen.

Nicht wenige Fahrgäste reagieren irritiert

Nach nur wenigen Minuten wird das Schauspiel abgebrochen, Regisseur Dirk Gion klärt alle Fahrgäste auf. Nicht wenige reagieren irritiert. Die Evag, sagt Sprecher Olaf Frei, habe ihren Bus den Dreharbeiten bewusst zur Verfügung gestellt, um klarzumachen: „Die Evag-Mitarbeiter kommen aus 25 Nationen. Uns ist jeder Fahrgast Recht. Hauptsache, er hat ein Ticket.“

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