Petra Hinz „rastete bei der leisesten Kritik aus“

Die Freundlichkeit scheint zu täuschen: die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD).
Die Freundlichkeit scheint zu täuschen: die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD).
  • Der erste Ex-Mitarbeiter von Petra Hinz spricht nun offen über die Demütigungen in ihrem Büro
  • Norman Kirsten bestätigt die bisher anonymen Mobbing-Vorwürfe gegen die SPD-Bundestagsabgeordnete
  • Den Berliner Historiker störte, dass Hinz und andere die Mitarbeiter als unglaubwürdig abstempelten

Essen.. Petra Hinz und ihr rüdes Büro-Regiment – ein Thema, das wegen der Lebenslauf-Lüge in die zweite Reihe rutschte, das aber am Anfang stand einer Kette von Enthüllungen über ihre Person. Nach den zunächst anonymen Briefen ehemaliger Mitarbeiter, nach dem Bericht, dass die SPD-Bundestagsabgeordnete schon vor Jahren zu einem Gespräch über die Mobbing-Vorwürfe gebeten worden war, tritt nun erstmals ein früherer Mitarbeiter offen und mit vollem Namen auf.

Wenig überraschend: Die bisherigen, im übrigen absolut glaubwürdigen Informationen bestätigt auch der heute 33-jährige Historiker Norman Kirsten, der in den Jahren 2008/2009 ein gutes halbes Jahr im Büro von Petra Hinz gearbeitet hat. Länger, so sagt er im Gespräch mit der WAZ, „habe ich es nicht ausgehalten“.

Heulend aus den Einzelgesprächen mit Petra Hinz

„Von Anfang an ist mir dieses ungeheuer angespannte Klima aufgefallen“, schildert Kirsten. „Frau Hinz lebte offenkundig in der ständigen Angst hintergangen zu werden.“ Ein realer, nachvollziehbarer Grund dafür sei aber nicht zu erkennen gewesen.

Schon das Einstellungsgespräch sei seltsam verlaufen: „Frau Hinz erklärte mir, eigentlich brauche sie mich gar nicht, stelle mich über Bedarf ein, aber wolle es einmal mit mir versuchen.“ Das habe ihn verwundert. „Aber ich war Mitte 20, noch Student, hochmotiviert und fand es natürlich toll, überhaupt im Bundestag arbeiten zu dürfen.“

Schnell sei dann klar gewesen, warum Hinz so freigiebig bei der Stellenvergabe vorging. „Es gab eine unglaubliche Fluktuation, so gut wie keiner schien es lange auszuhalten.“ Allein in dem halben Jahr seiner Tätigkeit habe er drei Büromitarbeiter kommen und gehen sehen. Der Umgangston sei barsch und verletzend gewesen. „Bei der leisesten Kritik rastete sie aus.“ Er habe es „regelmäßig erlebt, dass besonders junge Frauen heulend aus einem Einzelgespräch mit Frau Hinz gekommen sind“.

Das Kündigungsschreiben schon in der Hand

Aufgabe von Referenten und studentischen Hilfskräften ist es unter anderem, zu bestimmten Themen Informationen zu sammeln und dem Bundesabgeordneten an die Hand zu geben. Arbeitsmarkt- und Außenpolitik seien die Bereiche gewesen, die ihm Hinz zugeteilt habe. Abgefragt oder benutzt habe sie das Material nach seiner Wahrnehmung allerdings nie. „Sie war sehr unzufrieden, sagte mir aber nicht warum.“ Als junger Mitarbeiter habe er zunächst an sein eigenes Unvermögen geglaubt und sich gefragt: „Was kann ich verbessern“. Aber: „Mir wurde schnell klar: Den anderen ging es nicht anders.“

Die Endphase der Zusammenarbeit beschreibt Norman Kirsten so: „Eines Morgens sagte sie mir unvermittelt, ich sei zu spät ins Büro gekommen, was definitiv nicht stimmte. Sie habe sich alles genau aufgeschrieben, entgegnete sie, und dass ich mich noch wundern würde.“ Nicht lange danach habe es eine weitere Szene mit Schlussstrich-Charakter gegeben. „Ich habe dann gesagt, ich glaube es hat keinen Sinn mit uns. Ihre Reaktion: ,Ich wollte Ihnen sowieso kündigen’“. Das fertige Kündigungsschreiben habe sie schon in der Hand gehabt.

Ein Zeugnis, das dieser Zeitung vorliegt, hat Kirsten auch bekommen - „allerdings erst nach mehrfacher Aufforderung und als ich es vorgeschrieben und per Einschreiben einreichte“. Es datiert ein halbes Jahr nach seinem Weggang.

Norman Kirsten: Mir geht es um die Wahrheit

Norman Kirsten ist unüberhörbar Berliner, ein ruhiger, analytisch wirkender Mann, der noch immer im politischen Umfeld der Hauptstadt tätig ist, allerdings nicht mehr im Bundestag, sondern in einer Bundesbehörde. Im Gegensatz zu manchem anderen Ex-Mitarbeiter von Hinz habe er die damalige Erfahrung relativ gut verarbeiten können. „Aber auch ich hatte anfangs daran zu knacken.“ Er hatte die Person Hinz und das halbe Jahr in ihrem Büro eigentlich abgehakt.

Warum dann aber der Gang an die Öffentlichkeit? Es gehe ihm um die Wahrheit. Norman Kirsten hat gelesen, dass Petra Hinz den Vorwürfen rabiat widerspricht und auch einige ihrer Parteifreunde „die anonymen Schilderungen über die Demütigungen und hässlichen Szenen in ihrem Büro in Zweifel ziehen. Ich sage aber ganz klar: Genau so war es.“

 

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