Peinlichkeit, ein neues Sprach-Phänomen

Foto: ddp
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Essen.. Über 100 junge Forscher treffen sich vom 23. bis 25. März an der Uni Duisburg-Essen und diskutieren über aktuelle Trends der Linguistik. Dabei hat sich der Ausdruck „Peinlichkei“ emotionalisiert. Der Begriff „Fremdscham“ etwa steht erst seit 2009 im Duden.

Haben Sie sich heute auch schon „fremdgeschämt“, weil jemand in ihrer Umgebung etwas nicht gerade Schlaues getan hat? Oder waren Sie peinlich berührt, als Sie den Fernseher angemacht haben und sich der Protagonist einer Doku-Soap vor der Augen der medialen Öffentlichkeit blamierte?

Das Wort Fremdscham ist neu im Duden

Falls ja, steckt dahinter ein „neudeutsches Phänomen“, wie Promotionsstudentin Julia Döring von der Universität Duisburg-Essen meint. Linguistisch gesehen, also sprachwissenschaftlich, sei der Ausdruck „Peinlichkeit“ nämlich noch 1895 im Wörterbuch der Märchenbrüder Grimm nicht so stark emotionalisiert gewesen wie heute. Peinlich war ausschließlich die Scham vor Primitivem. Ist den Menschen im Laufe der Zeit einfach mehr peinlich geworden? Der Begriff „Fremdscham“ steht erst seit 2009 im Duden. Mittlerweile wird der Satz „Das ist peinlich!“ nach Ansicht von Julia Döring häufiger als im Mittelalter verwendet und steht für eine Verbindung aus emotionaler Betroffenheit und einem negativ behafteten „ästhetischen“ Urteil. Julia Döring wird in der kommenden Woche (23. bis 25. März) in Essen bei einem Kongress für junge Sprachforscher aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Belgien ihren Forschungs-Stand einer größeren Fach-Öffentlichkeit präsentieren.

„Das Themenfeld der Linguistik ist breit gefächert“, sagt UDE-Professor Dr. Bernd Rüschoff und Präsident der Gesellschaft der Angewandten Linguistik. „Ein ganz wichtiger Arbeitsbereich ist Sprache im Zusammenhang mit persönlicher Identität“, erklärt Rüschoff. So wird etwa Rap-Musik und Hip-Hop oft mit grenzwertigen, frauenfeindlichen Texten in Verbindung gebracht, müsse aber auch als „Wir-Gefühl“ einer neuen Jugendkultur gesehen werden, die nicht von „Rüpel-Rappern“ wie Bushido vertreten wird. Auch das ist Thema der Tagung, die sich aktuellen Trends der deutschen Sprache widmet.

„Facility Manager“ als neue Bezeichnung für Hausmeister – auch das ist so eine neue Entwicklung. Aber man braucht sich laut Rüschoff keine Sorgen um die Zukunft der deutschen Sprache machen. „Mode-Schnick-Schnack wie unsinnige Anglizismen vergehen.“ Es gebe ein „natürliches Regulativ“ der Sprache – und auch gute Anglizismen wie shoppen. Mit „einkaufen“ sei der alltägliche Kauf von Lebensmitteln gemeint, shoppen stehe für ein „Lebensgefühl“. Weitere Kongress-Infos: www.uni-due.de/jrm2011

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