Papst im Plenum auch in Essen ein Politikum

Essen. Wenn Papst Benedikt XVI. vor dem Parlament spricht, wollen nicht alle Essener Abgeordneten zuhören. Der Grünen-Abgeordnete Kai Gehring etwa findet die Rede im Bundestag falsch. Petra Hinz (SPD) hofft, dass sich der Papst entschuldigt.

Freiburg, Erfurt und Berlin stehen im Reiseplan des Pontifex. Von Donnerstag bis Sonntag besucht Papst Benedikt XVI., das Oberhaupt aller Katholiken, Deutschland. Das Präsidium des Deutschen Bundestag hat ihn eingeladen, vor dem Parlament zu sprechen. Doch daran wurde in den vergangenen Tagen Kritik laut. Mehrere Abgeordnete wollen seiner Rede fernbleiben. Die NRZ fragte Volksvertreter aus Essen, was sie von der Papstrede im Parlament halten.

Dass der Papst im Bundestag reden wird, findet Kai Gehring falsch, da er sich nicht als vatikanischer Staatschef, sondern als Oberhaupt der Katholischen Kirche äußern werde. „Der Papst vertritt bei Frauenrechten, Homosexualität und Empfängnisverhütung realitätsferne Positionen. Mit seinen Dogmen darf er sich nicht über individuelle Freiheiten und Menschenrechte stellen“, sagt der Grünen-Abgeordnete. Obgleich er es vom Papst erwartet, geht Gehring nicht davon aus, dass Benedikt zu den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche Stellung bezieht. „Sollte sich der Papst in der Rede diskriminierend äußern oder rückwärtsgewandte Positionen vertreten, kann ich nicht ausschließen, dass ich den Saal verlasse“, betont der Protestant Gehring.

„Ich kann den Papst nicht für 2000 Jahre katholische Kirche verantwortlich machen“

Für Ulrike Flach (FDP) ist es keine Frage, ob Benedikt XVI. vorm deutschen Parlament reden darf. Denn: „Ein Bundestag, der Putin empfängt, den Papst ab­er nicht, der muss sich selbst in Frage stellen“, sagt die konfessi­onslose Abgeordnete. Sie werde dem Pontifex zuhören. „Das gebietet schon der Anstand, schließlich vertritt er Milliarden gläubiger Katholiken in der ganzen Welt.“

Für Ulla Lötzer, Abgeordnete der Linken, hinkt der Putin-Vergleich sehr: „Putin hatte ei­ne Staatsfunktion und hat in dieser das Parlament besucht; der Papst kommt als Vertreter einer Religion.“ Das sei ein erheblicher Unterschied. Lötzer war einst Protestantin, doch das sei lange her. Heute ist sie konfessionslos. Sie werde dem Papstbesuch fernbleiben und sich an den De­monstrationen gegen den Pontifex beteiligen. „Es geht mir um die Trennung von Staat und Kirche. Sonst müssen wir bald auch Vertreter anderer Religionen ins Parlament einladen“, sagt sie.

Dazu aufgefordert, den Parlamentsbesuch des Papstes zu boykottieren, wurde der SPD-Mann Rolf Hempelmann von einem Essener Bürger. Überzeugen konnte er ihn nicht. „Ich kann den Papst nicht für 2000 Jahre katholische Kirche verantwortlich machen“, sagt Hempelmann. Er könne ebenfalls nicht einschätzen, was Josef Ratzinger in seiner Zeit als Bischof über die Missbrauchsvorwürfe in der Kirche wusste. „Darüber zu Urteilen steht mir daher nicht zu“, sagt der Katholik. Er will dem Papst Respekt erweisen und zuhören.

„Es lohnt sich immer, diesem Papst zuzuhören“

„Ich hoffe, dass der Papst die Gelegenheit nutzt, sich zu entschuldigen“, fordert seine Kollegin Petra Hinz. Die Katholische Kirche habe vielen Kindern durch Missbrauch Leid zugefügt. „Dazu muss sich der Papst vorm Parlament klar positionieren“, betont die SPD-Abgeordnete. Als Protestantin hofft sie, dass Benedikt XVI. auf die Ökumene eingeht. Aus Respekt vorm Oberhaupt der Katholiken und des Vatikanstaats nehme sie am Papstbesuch im Plenarsaal teil: „Es ist für einen Politiker ganz schlecht, Diplomatie und Höflichkeit zu verlieren.“

„Selbstverständlich steht es jedem Abgeordneten frei, ob er der Rede des Papstes zuhören möchte oder nicht“, meint Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Andererseits gehöre es sich, einem geladenen Gast höflich und respektvoll zu begegnen. „Schließlich hält Papst Benedikt XVI. seine Rede im Parlament auf Einladung des Bundestagspräsidenten.“ Der Ruhrbischof ist sich sicher: „Es lohnt sich immer, diesem Papst zuzuhören.“

 
 

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