Rätsel um einen alten Bunker - eine Spurensuche in Steele

Spurensuche: Hans-Georg Badura (l.) und Harald Vogelsang (Steeler Archiv) an dem zugemauerten zweiten Eingang des Laurentiusbunkers.
Spurensuche: Hans-Georg Badura (l.) und Harald Vogelsang (Steeler Archiv) an dem zugemauerten zweiten Eingang des Laurentiusbunkers.
Foto: Knut Vahlensieck
Noch heute existieren zahlreiche Bunker und Luftschutzkeller, in denen während des Zweiten Weltkriegs tausende Menschen Schutz vor den Bombenangriffen suchten. Auch den Laurentiusbunker an der Paßstraße im Essener Stadtteil Steele gibt es noch. Wir begeben uns auf Spurensuche.

Essen-Steele.. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 konnte niemanden mehr überraschenen – auch nicht die Menschen in Steele. Schon im Jahr 1935 wurde daher bei „Verdunklungs- und Luftschutzübungen“ der „Ernstfall“ geprobt. Bis Kriegsbeginn entstanden in Essen zahlreiche Bunker und Luftschutzkeller, wurden stillgelegte Bergwerkstollen zu diesem Zweck „aufgearbeitet“. Viele dieser Anlagen existieren noch heute – auch der Laurentiusbunker an der Paßstraße in Steele. Doch Informationen darüber sind spärlich. Wir begeben uns auf Spurensuche.

Harald Vogelsang steht auf einem Rasenstück neben der Laurentiuskirche. „Hier in der Nähe vermuten wir einen der Zugänge zum Bunker, der sich unter dem Friedhof erstreckt.“ Liebend gerne würde der Heimatforscher vom Steeler Archiv eine Karte erstellen, auf der alle Standorte der Steeler Anlagen verzeichnet sind, „doch es gibt leider nicht viel Material zu diesem Thema“, bedauert er. Aus der Steeler „Feldpost“ anno 1944 erfuhr er, dass die Bunker wohl durchnummeriert wurden. Und die Steeler Zeitung berichtete von zwei Menschen, die im Laurentiusbunker am Herzschlag gestorben seien. Mehr gaben die Quellen nicht her.

Die Essen Stadt hält sich bedeckt

Die Stadt hält sich bedeckt: Da es häufiger zu Einbrüchen in Luftschutzstollen und Bunkeranlagen gekommen sei, wolle die Stadtverwaltung keine Unterlagen zu Schutzräumen über die Medien verbreiten, heißt es dort. „Nachdem an der Paßstraße häufiger Jugendliche beim Feiern im Stollen erwischt wurden, haben wir den Zugang zugemauert und mit einer Metallluke verschlossen“, sagt Stadtsprecher Martin Rätzke. Hans-Georg Badura, ein Anwohner, bringt etwas Licht ins Dunkel. Der 73-Jährige, der seit 1975 an der Paßstraße 26 wohnt, erinnert sich: „Das muss so um das Jahr 1985 herum gewesen sein.“ Anfangs war der Zugang nur durch einen Zaun versperrt, doch nun stehen da Garagen.“ Rätzke bestätigt: „Wir haben den Zugang optisch kaschiert.“ Aus Sicherheitsgründen dürfe das Garagentor jedoch nicht verschlossen werden, damit der Stollen im Notfall weiter zugänglich sei.

Die Vorsicht der Stadt ist verständlich, doch für Thorsten Grützner von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Bonn (BImA) nur bedingt nachvollziehbar: „Notfall heißt hier sicher nicht Wiederbenutzung“, vermutet der Pressesprecher. „Denn die Bunker entsprechen längst nicht mehr den heutigen Sicherheitsvorgaben.“ Aber Formen des Vandalismus seien bei solchen Objekten nie ganz auszuschließen. Die BImA selbst besitzt etliche Bunker in ganz Deutschland – auch in Essen. Der Laurentiusbunker zählt jedoch nicht dazu.

Familien wurden zerrissen

Hans-Georg Badura stammt aus Kattowitz. Seinen Vater hat er nie kennengelernt – der fiel am 16. November 1941. Es war der Sonntag, als er geboren wurde. „Mein Großvater arbeitete als Garagenmeister. Deshalb wohnte unsere Familie in einem Regierungsgebäude. Und das wurde als erstes beschossen und bombardiert.“ Der Krieg habe seine Familie zerrissen. „Als ich meine Mutter das erste Mal sah, war ich schon 15 Jahre alt.“

Der Senior öffnet das Garagentor, zeigt auf die Luke. Was sich dahinter verbirgt, weiß er nicht. „Irgendwann war hier mal eine Pilzzucht drin“, sagt er. Und Harald Vogelsang ergänzt: „Ich habe gehört, dass hier sogar mal ein Boxring gestanden haben soll und Kämpfe vor Publikum ausgetragen wurden. Immerhin bot der Bunker Platz für rund 3000 Menschen.“

Am Freitagabend lud das Steeler Archiv zum Bürgertreff ins Gemeindezentrum der Friedenskirche ein. „Wir hoffen, möglichst viel über die Steeler Bunker zu erfahren“, sagt Harald Vogelsang. Auch Hans-Georg Badura schaute vorbei, obwohl ihm die Erinnerung an den Krieg noch immer Angst macht. Die hat all die Jahre überdauert – genauso wie die Bunker.

Bunker rücken ins Blickfeld von Stadtplanern und Architekten

Manche sieht man sofort, manche integrieren sich eher unauffällig ins Stadtbild: Bunker, Hochbunker, errichtet zum Zivilschutz. Doch Bunker sind längst nicht mehr nur bedrohliche Überbleibsel. Vielmehr rücken sie immer öfter in das Blickfeld von Stadtplanern und Architekten, die damit auf gesellschaftliche Trends reagieren – der Trend geht zum Unikat.

Viele Bunker befinden sich im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) in Bonn, die diese auch zum Verkauf anbietet. Unter der Rubrik „Faszination Bunker“ werden einige eindrucksvolle Projekte der Umgestaltung vorgestellt; etwa das Papillion in Düsseldorf.

Die Bunkeranlage unter dem Laurentiusfriedhof ist beim BImA nicht gelistet. „Wir vermuten sie daher im Besitz der Stadt“, sagt Thorsten Grützner. Im Eigentum des Bundes befinden sich in Essen noch Bunker an der Bassinstraße (Südostviertel), der Körnerstraße und der Helenstraße (beide Altendorf), Arenbergstraße (Karnap), Frintroper Straße (Schönebeck) und An der Seilerei/Am Bilstein in Kettwig.

Aktuell zum Verkauf stehen die Hochbunker in der Körnerstraße, An der Seilerei, in der Bassinstraße und in der Helenstraße. Die Objekte Arenbergstraße und Frintroper Straße stehen noch in der Warteschleife. Gleiches gilt für den Bunker „Eiserne Hand“ im Ostviertel. Dort müssen noch Erschließungsfragen geklärt werden.

Der Zivilschutzbunker an der Körnerstraße ist etwa 2090 m² groß und wurde 1942 gebaut. Platz fanden dort bis zu 1473 Menschen. Der Rundbunker verfügt über sechs Obergeschosse und das Dachgeschoss. Im Flächennutzungsplan ist das Grundstück als „Wohnbaufläche“ dargestellt. „Der Verkauf erfolgt jedoch ausdrücklich ohne Zusicherung eines bestimmten Bau- oder Planungsrechtes. Rechtsverbindliche Aussagen und die grundsätzliche Genehmigungsfähigkeit einer beabsichtigten Errichtung, Änderung oder Nutzungsänderung der baulichen Anlagen sind daher mit der Stadt Essen abzustimmen“, erklärt Thorsten Grützner. Verkauft seit 2005: Jahnstraße (Bochold), Luegstraße (Huttrop) Stapenhorststraße (Altenessen), Frohnhauser Straße, Goethestraße (Rüttenscheid) und Corneliusstraße (Kettwig).

 
 

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