Früher war auch in Steele nicht alles besser

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Essen-Steele. Die rigide Stadtsanierung hat das alte Steele amputiert, das Neue ist allenfalls teilweise gelungen. So gestaltet sich die Vermarktung der ehemaligen Wertheim-Immobilie am Eingang zur Innenstadt bis heute problematisch.

Wir befinden uns im Graffweg, im Herzen Steeles. Schön herausgeputztes Fachwerk, Blumen vor den Fenstern, als hätte die Neuzeit nicht Einzug gehalten. Arnd Hepprich kommt - bei seinen Schüler-Führungen für das Steeler Archiv - regelmäßig an der Häuserzeile vorbei. „Dann frage ich die Kinder: Was fällt euch auf?“ Dass die Häuser schön seien, sagen viele, dass sie wohl alt sind manche. „Aber was ist da noch?“ Darauf sagen sie dann, dass die Fenster klein seien, die Häuser sowieso, dass man daraus nicht auf hohe Decken und mutmaßlich auf relative Enge im Fachwerk schließen könne - all das lässt sich von Außen erfassen. „Wenn ich dann noch erzähle, dass es keine Zentralheizung gab, die Toiletten auf halber Treppe lagen oder man die ,Villa Herz‘ im Garten aufsuchen musste und anschließend frage, wer dort einziehen würde, meldet sich nicht einer.“

Nun ist das Gebäude-Ensemble am Graffweg saniert und kunstvoll restauriert, doch die Mehrzahl der Häuser aus vorindustrieller und gründerzeitlicher Bebauung, sie fiel. Womit wir uns im Steele der 60er und 70er Jahre befinden. „Sanierung“ war das Projekt schlicht betitelt, in dessen Rahmen eine der bundesweit größten städtebaulichen Umbaumaßnahmen stattfand. Im östlichen und nördlichen Teil Steeles entstanden die „Schlafstädte“ - Hörster, Bergmanns und Isinger Feld. „Das hätte man im Süden und im Norden nicht machen können, dort war schon alles zu dicht besiedelt.“ 86 Hektar Fläche hatte Steele, ein Drittel davon wurde bebaut – oder umgestaltet.

Über den Brachen der ehemaligen Besiedelung mit Fachwerkgebäuden wuchs schließlich die Einkaufsstadt. Als einen der „schmerzlichsten Eingriffe“ bezeichnet Hepprich den Abriss von Teilen des historischen Siedlungskerns zu Gunsten des Wertheim-Neubaus. Nahe an dem Platz, auf dem der Sachsenherzog und spätere Kaiser Otto I. um 938 den Hoftag abhielt, wuchs die Immobilie 1972 aus dem Boden. Und sie war rasch wieder leer.

„Damals hat man extra noch eine Brücke gebaut, um eine bessere Anbindung vom Verkehrsplatz, an dem Busse und Bahnen ankamen, zu Wertheim zu schaffen“, erzählt Hepprich. Bilder vom Tag der Brückeneinweihung zeigen, wie vorne eingeweiht wird, derweil im Hintergrund Wertheim-Mitarbeiter gegen die Schließung des Kaufhauses protestieren.

„Wenn man im Stadtkern von Steele lebt, kommt man ohne Auto aus“

Die Vermarktung der ehemaligen Wertheim-Immobilie am Eingang zur Innenstadt, sie gestaltet sich bis heute problematisch. Händler zogen ein - und wieder aus. Das Straßenverkehrsamt blieb, ein Elektronikfachmarkt zog in die zusehends verfallende Immobilie. Dabei, so betont Hepprich, ist die Geschäfts-Infrastruktur in den dahinter liegenden Straßen, die fast sämtlich als Fußgängerzonen ausgewiesen sind, in Takt. „Natürlich gibt es auch hier Billig-Ketten, aber wir haben auch noch viel inhabergeführten Einzelhandel.“ Dass das Konzept, der Städteplaner eine zentrale Straße von der Schlaf- in die Einkaufsstadt zu schaffen, nicht ganz aufging, erzählt Hepprich mit einem Schmunzeln. „Die Steeler Straße war am Ende so gut ausgebaut, dass viele Leute nicht mehr in der Steeler City Halt gemacht haben, sondern direkt bis nach Essen durchgefahren sind.“

Wenn man allerdings nicht nur zurück schaue, sondern den Blick auf in Teilen auch sehr gelungenen Wandel zulasse, könne man in Steele mit hoher Wohnqualität leben. Ein wenig selbstironisch erklärt der ehedem in Hamburg und Frankfurt beheimatete Dokumentar, „natürlich“ sei er über das viele Grün im „Pott“ erstaunt gewesen.

Er ließ sich darauf ein, lernte, die Vorzüge zu nutzen. „Wenn man im Stadtkern von Steele lebt, kommt man ohne Auto aus.“ Die Ruhr mit ihren angrenzenden Flächen biete einen hohen Freizeitwert, die Einkaufsmöglichkeiten seien gut, Schulen und Kindergärten fußläufig problemlos zu erreichen. Und da Hepprich erst kam, als das pittoreske Stadtbild lange aufgelöst war, vermisst er es auch nicht.

Dann lässt er den Blick über den Steeler Stadtgarten schweifen, das 42 Hektar große Areal in Hanglage, das um 1910 als Erholungsgebiet für die Bürger Steeles entstand. Viele Geschichten kann der Leiter des Steeler Archivs aus dem Stegreif erzählen, von der ersten urkundlichen Erwähnung der damaligen Stadt Steele im Jahre 840, dem Waisenhaus mit barocker Fassade, das die Äbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach der Stadt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stiftete, und dessen Liegenschaften heute noch das Stadtbild prägen.

Kulturelle Einrichtungen mit Strahlkraft

Widerstand habe sich im heutigen Ortsteil Essens geregt, als man Steele, das 1578 die Stadtrechte erhielt, nach Essen eingemeinden wollte. „1926 haben sich die Gemeinden Königssteele - dazu gehören Freisenbruch, Horst und Eiberg - und Steele verbunden, um der Eingemeindung nach Essen zu entgehen.“ Doch um 1929 wurde der Zusammenschluss mit Essen vollzogen.

Das heutige Mittelzentrum mache die Mischung aus Neu und Alt aus, in der man sich arrangiere. „Es gibt zum Beispiel eine sehr aktive Bürgerschaft, die auf dem Kaiser-Otto- und dem Grend-Platz Feste ausrichtet.“ Ebenso seien mit dem Kulturforum, das im ehemaligen Kassenhaus Steeles logiert, und dem Grend Bildungswerk kulturelle Einrichtungen vorhanden, die eine Strahlkraft über den Ortsteil hinaus besäßen. „Insgesamt“, sagt Hepprich, „lässt es sich hier sehr gut leben. Man darf nur nicht immer den alten Zeiten nachweinen.“

 
 

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