Essener „Die Partei“-Kandidat Jürgen Lukat will Kupferdreh fluten

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Mit kuriosen Forderungen will Jürgen Lukat aus Steele für die satirische Partei „Die Partei“ bei der NRW-Wahl antreten. So soll Essen zum Tourismusziel Nr.1 in NRW gemacht und der Baldeneysee vergrößert werden. Weil in Werden, Kettwig, Heisingen und Kupferdreh "eh nur Bonzen wohnen", könnten die Stadtteile auch gleich geflutet werden.

Essen-Steele.. Ganz klassisch mit Wahlplakaten und Flyern hat sich Jürgen Lukat für seinen Wahlkampf ausgerüstet. „Inhalte überwinden!“ fordert ein Plakat auf, das er auf einem Tisch in der Grend-Kneipe ausgebreitet hat. „Ach, die Piraten!“, kommentiert eine Frau, Typ Sozialpädagogin, im Vorbeigehen. „Nee, das ist doch die Internet-Pornopartei, mit der habe ich nichts am Hut“, kontert Lukat. Der Steeler ist Direktkandidat der Partei „Die Partei“, die mit satirischen Mitteln um Aufmerksamkeit buhlt.

2004 war es, als Martin Sonneborn eingefahrene politische Mechanismen entlarven wollte, indem er Satire und Parodie mit dem wahren Leben konfrontierte: Er gründete „Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ („Partei“). Bereits ein Jahr später wurde die Partei, die der damalige „Titanic“-Chefredakteur mit weiteren Redakteuren des Satiremagazins gründete, zur Bundestagswahl zugelassen. Man verulkte Skandale zur Parteienfinanzierung, indem man sich in Wahlwerbespots sichtbar von einer Billig-Fluglinie sponsern ließ und forderte den Wiederaufbau der Berliner Mauer – dies sei eine populistische Forderung, wie sie eine Partei eben bräuchte. Auch wenn der „Partei“ 2009 die Zulassung zur Bundestagswahl versagt wurde, versuchte man seitdem immer wieder, auch auf Landesebene und mit viel prominenter Unterstützung, das politische Alltagsgeschehen aufzumischen. Zur NRW-Landtagswahl tritt der bekannte Kriminologe Mark Benecke als Spitzenkandidat an.

Prominentenstatus genießt Jürgen Lukat dagegen nicht. Der 41-Jährige arbeitet bei der Jugendgerichtshilfe als Diplom-Sozialarbeiter, ist verheiratet, hat eine Tochter - und war bisher völlig unpolitisch. „Ich habe bei mir sogar eine immer größer werdende Politikverdrossenheit festgestellt.“ Seine Frau war es, die die Idee hatte, dieser entgegenzuwirken, indem er selbst aktiv werde: „Sie sagte: ,Du warst doch Klassensprecher in der 5b, das qualifiziert dich zur Genüge!’“, lächelt er. Nur mit der Wahl seiner Partei schien sie dann doch nicht so glücklich zu sein: „Ich fürchte, sie nimmt mein Engagement nicht ernst“, zuckt Lukat mit den Schultern.

Plattenbauten auf dem Berthold-Beitz-Boulevard

Dabei hat er sich ein engagiertes Wahlprogramm für den Wahlbezirk 66, Essen 2, auf die Parteifahne geschrieben, das er „Baldeney 21“ getauft hat: „Ich fordere, dass Essen zum Tourismusziel Nr.1 in NRW gemacht wird“, sagt er – so weit, so gut. Dafür müsse der Baldeneysee wesentlich vergrößert werden, so Lukat weiter. „Die Stadtteile Werden, Kettwig, Heisingen und Kupferdreh – da wohnen eh nur Bonzen – werden dafür geflutet.“ Okay... „Für die Bürger aus diesen Stadtteilen soll, als Ersatz, auf dem Berthold-Beitz-Boulevard eine neue Plattenbausiedlung entstehen.“ Dass auch die Aida auf dem Baldeneysee schippern und das Clubschiff monatlicher Spielort für das Werdener Open Air werden soll, sind da nur noch Fußnoten.

Hinter diesem politischen Super-GAU, dem größten anzunehmenden Unsinn also, steckt für Lukat jedoch auch ein ernsthafter Kern. „Es geht darum, jungen Menschen, die sich in den großen Parteien nicht wiederfinden, Alternativen jenseits von links- und rechtsextremen Angeboten zu liefern“, unterstreicht Lukat.

Wahlziel: vier Promille

Dass die „Piraten“ mit einer ähnlichen Motivation wie der verlängerte „Titanic“-Arm politische Erfolge erzielen, bereitet ihm da eher Bauchschmerzen: „Die ,Piraten’ sind eine gefährliche Partei“, meint er, „denn mit ihrem Wunsch nach einem Internet ohne jegliche Zensur fördern sie auch die Verbreitung von Kinderpornografie und die Raubkopierer.“ Und, viel schwerwiegender: „Auf deren Wahlkampfpartys kostet ein Bier drei Euro – die ,Partei’ ist dagegen die Partei für Freibier!“ Wenn das kein berauschendes Argument ist.

Die 100 Unterstützungsunterschriften für seine Zulassung als Direktkandidat habe er jedenfalls schon zusammen. „Das ging schneller, als ich gedacht habe“, freut er sich. So hofft er, die Bedingungen zu erfüllen, um am 13. Mai tatsächlich auf dem Wahlzettel zu erscheinen. Als nächstes stehe dann die Gründung eines Ortsverbandes an.

Dass er trotz prominenter Unterstützung – auch der „Ärzte“-Drummer Bela B. setzt sich für „Die Partei“ in NRW ein – eher auf verlorenem Posten kämpfen dürfte, stört ihn nicht. „Ich möchte mehr Stimmen bekommen als die NPD“, sagt er und ergänzt: „Mein Wahlziel liegt bei vier Promille.“ Na denn, ein Prost auf mehr Spaß in der Politik!

 
 

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