„Oh Gott, ein Christ“ - Katholiken suchen in Essen das Gespräch

Markus Grenz
Christ trifft Individualist: Lucie, Nicky und Jessica treffen auf Stefanie Gruner und Schwester Kerstin-Marie (v.l.). Foto: Dennis Strassmeier
Christ trifft Individualist: Lucie, Nicky und Jessica treffen auf Stefanie Gruner und Schwester Kerstin-Marie (v.l.). Foto: Dennis Strassmeier
Foto: WAZ FotoPool
Die Essener Innenstadt ein Markt der Möglichkeiten auf dem jeder das findet, was er sucht. 15 Christen machten sich hier auf den Weg und suchten das Gespräch.

Essen. Die Herzen der Menschen gewinnt man auf der Straße – und welche könnten besser geeignet sein, als die Kettwiger und Limbecker am Samstag? Mit Kamera ausgerüstet und in apfelgrüne T-Shirts gesteckt, machten sich 15 junge Katholiken auf den Weg und suchten das Gespräch auf diesem Markt der Möglichkeiten.

Und der ist nicht gerade unumkämpft um 11.30 Uhr, Samstagmittag: Keine 50 Meter entfernt vom Burgplatz, auf dem die Organisatoren vom Essener Projekt der kirchlichen Jugendarbeit „Ruhrfisch“, der Gelsenkirchener Jugendkirche „Gleisarbeiten“ und der Agentur BJS, noch ihren freiwilligen Helfern aus Essen und Umgebung die grüne Einheitskluft verpassen, verteilen die Salafisten ihren Koran. 50 Meter weiter Richtung Hauptbahnhof werben Anhänger der chinesischen „Falun Gong“-Bewegung für ihren Kultivierungsweg gegen den Sittenverfall und noch einmal fünf Minuten zu Fuß in Richtung Bahnhof kann man sich von RTL für eine Realityserie casten lassen: persönliche Sinngebung für jeden Geschmack. Jetzt auch noch Christen?

Nur keine Volksmission

„Oh Gott, ein Christ.“ Nicht alle Reaktionen der kommenden Stunden, die sich die Katholiken auf ihrem Weg durch die Innenstadt anhören werden, sind so abschlägig, wie die des älteren Herren auf der Kettwiger Straße. Mitorganisatorin Stefanie Gruner hatte die Teilnehmer vorher noch einmal an das Ziel der Aktion erinnert: „Wir wollen ins Gespräch kommen. Die Leitfrage ist: Kann man Christen erkennen und muss man das überhaupt?“ Vielleicht tat sie dies ja auch mit Blick auf die muslimische „Konkurrenz“ vis-a-vis, die konnte man ganz sicher erkennen.

Doch auch die Oberhausener Ordensschwester Kerstin-Marie, die 32-Jährige hatte die Aktion von ihrer Mitschwester „im Block gepostet“ bekommen und fand sie „ganz cool“, unterliegt mit ihrem schwarz-weißen Habit dem Diktat der symbolischen Kleidung. Was sich aber als vertrauensbildende Maßnahme sehr positiv auf die Passanten auswirken sollte, auch wenn sie ihr grünes T-Shirt darüber gezogen hatte. Zusammen mit dem Glaubenskollegen Kaplan Michael Danne (31) aus Frohnhausen, der in schwarzer Soutane mit Überzieher, bricht sie das Eis bei den Bummlern.

„Wir müssen aufpassen, dass das Ganze hier keine Volksmission wird“, so ihr Credo und nach und nach verwickeln auch die anderen Jungchristen die Passanten mehr und mehr in Gespräche. Zu vielen kürzeren und auch längeren soll es kommen, Zölibat, Glaubenserfahrungen, Kirche im Allgemeinen, die Themen sind vielfältig. Ein wenig kurios ist da so manche Begegnung, etwa mit Lucie, Nicky und Jessica – alle um die 30 und konsequent tätowiert – die vor dem Tattoo-Studio „Outsider“ eine Zigarette rauchen. „Es glaubt doch jeder an irgendetwas“, sagt Lucie und beschreibt so ihre Sicht auf diesen Markt der Möglichkeiten – auf dem man als Christ, und auch das zeigt der Tag, aber doch noch einen Vorteil genießt. Der entstandene Film soll u.a. auf Facebook und Youtube veröffentlicht werden.