OB-Wahl: Nicht mal der Essener Norden ist noch rot

Er fuhr Verluste in allen 50 Stadtteilen ein: Oberbürgermeister Reinhard Paß.
Er fuhr Verluste in allen 50 Stadtteilen ein: Oberbürgermeister Reinhard Paß.
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Verluste für Reinhard Paß, wo immer man im Stadtgebiet hinschaut. Vor allem in seinem Heimatbezirk konnte Thomas Kufen dem OB viele Stimmen abluchsen. Und im bürgerlichen Süden trumpft er sowieso auf.

Essen.. Die Siegesparty in der Rüttenscheider Sport-Kneipe „Kokille“, sie ging bis kurz vor drei am frühen Morgen. Aber mehr als einen etwas verspäteten Start in die Arbeitswoche mochte sich die CDU-Parteizentrale dann doch nicht gönnen. Denn nüchtern betrachtet – was manchem aus nachvollziehbaren Gründen schwerfiel – ist am Tag nach der Oberbürgermeister-Wahl schließlich noch nichts gewonnen.

Was also plant der überraschende Stichwahl-Favorit Thomas Kufen, um am 27. September den endgültigen Wahlsieg einzufahren? „Nichts Spektakuläres“, stapelt Parteigeschäftsführer Norbert Solberg erst einmal tief: Es wird noch einmal ein neues Motiv für die großen Wahlplakate geben, weitere Auftritte im Rahmen seiner Roadshow „Thomas Kufen persönlich“. Weitere Prominenz aus Bund und Land? Nein.

Und die SPD? Hofft auf Kraft. Auf die eigene und die gleichnamige Ministerpräsidentin, die sich noch in dieser Woche für Reinhard Paß wahlkämpfend ins Zeug legen soll, ansonsten heißt die Devise: Klinkenputzen beim Souverän, Hausbesuche, Verteilaktionen, persönliche Ansprachen. „Das ist das einzige, was noch geht“, glaubt Parteichefin Britta Altenkamp: „Wir müssen uns dem Trend zu einer noch schlechteren Wahlbeteiligung entgegenstemmen.“

Auf die anderen Parteien und deren Wahlempfehlungen pro Paß zu hoffen, sei jedenfalls nicht geplant. Und wäre zumindest bei vielen grünen Mandatsträgern vergebene Liebesmüh’. „Ich werde mich nicht für Herrn Paß aussprechen“, signalisierte gestern unmissverständlich der grüne Parteisprecher Mehrdad Mostofizadeh. Am Mittwoch ist Mitgliederversammlung, doch trotz deutlicher Sympathien für Kufen: Eine förmliche Wahlempfehlung wird’s wohl eher nicht geben.

Längst dämmert auch der SPD, dass sie sich und ihren OB nur am eigenen Schopf aus dem Wahlsumpf ziehen kann. Reinhard Paß hat am Sonntag mit 51.118 Stimmen knapp 14.000 weniger bekommen als sein CDU-Herausforderer Thomas Kufen – und nur etwas mehr als die Hälfte der Stimmen, die ihn 2009 ins Amt trugen.

Die alten Hochburgen der Genossen, sie bröckeln nach sechs Paßschen OB-Jahren. Konnte er 2009 noch in 22 der 50 Stadtteilen eine absolute Mehrheit erringen, gelang ihm dies am Sonntag in keinem einzigen mehr: 47,7 % in Vogelheim waren das höchste der Wahlgefühle.

Der Norden schimmert folglich nur noch rosa- statt tiefrot und mancherorts nicht einmal mehr das: Frillendorf und Schonnebeck, Dellwig und Bergeborbeck, Frintrop und Leithe votierten mehrheitlich für Thomas Kufen. Bis zu 15 Prozentpunkte verlor Paß im Borbecker Heimatbezirk Kufens, mancherorts noch mehr.

Niederschmetternd für die Sozialdemokraten wohl auch die Erkenntnis, dass das Buhlen ihres Kandidaten um Stimmen aus der bürgerlichen Mitte offenbar auf wenig Widerhall stößt: In 22 Stadtteilen kam Reinhard Paß nicht einmal auf ein Drittel der Stimmen.

Die Niederlage des OB war der Triumph seines Herausforderers: Thomas Kufen schaffte die absolute Mehrheit in zehn Stadtteilen (darunter Bredeney mit schwindelerregenden 62,1 %) und die relative Mehrheit in 25 weiteren. Gemessen an dem Ergebnis, das Bürgermeister Franz-Josef Britz 2009 gegen Paß einfuhr, konnte Kufen in allen 50 Stadtteilen an Stimmen zulegen – zwischen bescheidenen 0,4 Prozentpunkten im Stadtkern und erdrutschartigen 15,1 in Bergeborbeck.

Dass all dies ganz eng mit der niedrigsten jemals gemessenen Wahlbeteiligung zwischen Karnap und Kettwig zusammenhängt, ist allen Beteiligten klar: Mit gerade mal 33,9 % blieb der Zulauf sogar noch hinter dem für die OB-Stichwahl im Jahre 2004 zurück (39,1 %). Ein schlechtes Omen für die Stichwahl am 27. September, sollte es nicht gelingen, noch einmal stärker für eine Teilnahme zu mobilisieren.

Dass selbst das Wahlamt mit seinen Prognosen einer Beteiligung von über 40 % falsch lag, hängt mit dem Umstand zusammen, dass offenbar immer mehr Wähler die Bindung an den Wahltermin selbst als lästig empfinden. Folge: Ein hoher Zulauf bei der Briefwahl täuscht einen Andrang vor, den es so gar nicht gibt, weil der Anteil der Briefwähler an der Zahl der Gesamtwähler immer weiter steigt.

Am Sonntag flossen 44.629 Briefwahl-Stimmen ins Wahlergebnis ein, ein Anteil von 28,8 % der Stimmen. Wählen von daheim also. Die Wahllokale blieben entsprechend leer, dafür war beim Einkaufssonntag in der City umso mehr los.

 
 

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