OB-Parteitag der SPD war ein unwürdiges Schauspiel

Frank Stenglein
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Foto: WAZ FotoPool
SPD-Chefin Britta Altenkamp attestierte Reinhard Paß gönnerhaft, er habe sich gesteigert. Daher halte sie ihn nun nicht mehr für unfähig. Und Paß spielte das grausame Spiel mit. Ein Kommentar.

Essen. Was mag Britta Altenkamp und Reinhard Paß durch die Köpfe gegangen sein, als sie sich am Ende des SPD-Parteitags am vergangenen Sonntag lächelnd und mit dem Blumenstrauß in der Mitte dem Fotografen stellten? Die Bilder sollten suggerieren, dass man sich zusammengerauft habe, tatsächlich ist das wenig glaubhaft. Paß wird nicht vergessen, was Altenkamp ihm angetan hat und umgekehrt wird die SPD-Chefin keineswegs der Meinung sein, ihr Parteifreund sei nun plötzlich ein guter Oberbürgermeister.

Bezeichnenderweise gab es ja auch nicht etwa eine Entschuldigung. Altenkamp fand vielmehr für sich die mehr als nur angedeutete Formel, dass Paß im Sommer 2014 tatsächlich „für das Amt die falsche Person“ gewesen sei, wie sie damals erklärt hatte. Er habe sich seitdem aber deutlich gesteigert, ließ sie den Parteitag durch die Blume wissen. „Deshalb haben sich meine Wort erledigt“ - und es bestehe jetzt gewissermaßen kein Grund mehr, sich heute erneut in dieser Weise zu äußern. Unnötig zu erwähnen, dass wer im Grunde recht hatte, auch nicht zurückzutreten braucht.

Gönnerhafte Unverfrorenheit, mit der Altenkamp dem OB Lernbereitschaft attestierte

Die Inszenierung als gestrenge Partei-Gouvernante, die es ja nur gut meinte mit dem „lieben Reinhard“, ist ebenso durchsichtig wie atemberaubend. Die gönnerhafte Unverfrorenheit, mit der Altenkamp ihm Lernbereitschaft attestierte, wird Paß nicht entgangen sein. Aber der OB war wohl seinerseits des Streitens müde und warb um Frieden mit der SPD. Mit seiner Selbstkritik („das eine oder andere ist daneben gegangen“) ging er weiter als Altenkamp, ob seine Worte ehrlich gemeint sind, ist eine andere Frage.

Dass mancher dennoch die Faust in der Tasche ballte, zeigte sich dann bei der Abstimmung: Immerhin jeder Fünfte nahm sich die Freiheit und stimmte trotz des vorherigen Mitgliederentscheids nicht für Paß. Zwar geschah dies überwiegend im Schutz der geheimen Abstimmung, doch umso mehr nötigt es Respekt ab, wenn SPD-Ratsfrau Barbara Soloch offen „eine gewisse Gradlinigkeit“ für sich reklamierte. Sie könne nicht alle fünf Tage ihre Meinung ändern, begründete sie ihr Nein.

Leicht alberne Attacke des OB gegen „Klein-Thomas Kufen“

Ansonsten war viel Schweigen. Und wenn die im Innern einer Partei brodelnde Aggressivität dort kein Ventil findet, dann muss sie nach außen geleitet werden. Die leicht alberne Attacke des OB gegen „Klein-Thomas Kufen“, dem „Mutti-Merkel“ die Hand halten muss, gehorchte wohl diesem alten Phänomen. Die CDU weist zu recht darauf hin, dass Kufen immerhin gut genug war, um Paß zu helfen, sein einziges halbwegs erfolgreiches Projekt umzusetzen: die Sparpolitik. Auf die SPD-Fraktion war in dieser Hinsicht kaum Verlass, wie Paß erfahren musste.

Nein, eine Werbung für die Kommunalpolitik war das unwürdige Schauspiel vom Sonntag nicht.