Notizen aus der Gefühlshölle

Foto: waz

Zwei Männer sitzen auf der Bühne. Graue Anzüge, rote Pullover, unauffällig. Was sie aber erzählen und wie sie es erzählen, lässt einen zwei Stunden lang den Atem anhalten. Sie stellen Zwillinge dar, die während des Zweiten Weltkriegs zu ihrer als Hexe verschrienen, kaltherzigen Großmutter aufs Land geschickt wurden. „Hundesöhne“ nennt sie die beiden. Wenn sie sprechen, dann geschieht es synchron. Zwei Menschen, gefangen in einer Stimme.

Horrorgeschichten von Mord, Gewalt, Sex und Armut, erstarrt in einer simplen Ausdrucksweise, werden von ihnen emotions- und schnörkellos mit höchster Präzision in feinem Oxford-Englisch vorgetragen. Im Pact auf Zollverein erlebte man die Uraufführung von „The Notebook“ (Das Notizbuch) des britischen Experimentaltheaters „Forced Entertainment“. Es ist das 30. Jubiläumsjahr eines bemerkenswerten Theaters, das man auf Zollverein schon mit neun Stücken ganz unterschiedlichen Charakters kennenlernte.

Mit allen künstlerischen Genres experimentiert dieses Theater, doch beim neuen Stück ist die Bühne kahl und es sind nur die Zwillinge mit ihrem grausamen Erlebnisbericht zu hören und zu sehen. Robin Arthur und Richard Lowdon offenbaren sich dabei als exzellente Darsteller. Vor dem inneren Auge sehen wir, wie sie sich schlagen, verbrennen und Schmerz zufügen, mit Übungen, die Körper und Geist abhärten sollen gegen die Grausamkeit der Welt. Der Text basiert dabei auf dem gleichnamigen, in 20 Sprachen übersetzten Roman der ungarischen Schriftstellerin Agoda Kristóf. Mit einer Strichfassung und ihrer szenischen Darstellung gelang Regisseur Tim Etchell ein großer Wurf, der dieser Weltliteratur gerecht wurde. Begeisterung im Pact.

 
 

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