„Ein neuer, ärgerlicher Schandfleck“

Der Künstler Gigo Propaganda steht am Dienstag, 12.02.2013 vor der von ihm bemalten Fassade einer ehemaligen Tankstelle und Trinkhalle. Die Grundlage zu der ständig überarbeiteten Bemalung sind Interviews mit Anwohnern. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool
Der Künstler Gigo Propaganda steht am Dienstag, 12.02.2013 vor der von ihm bemalten Fassade einer ehemaligen Tankstelle und Trinkhalle. Die Grundlage zu der ständig überarbeiteten Bemalung sind Interviews mit Anwohnern. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Altenessen..  Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über Kunst offensichtlich schon. Die aktuelle Fassadenmalerei des Künstlers Gigo Propaganda an der Altenessener Straße in Nähe des Bahnhofs sieht sich jedenfalls harscher Kritik einiger Lokalpolitiker gegenüber.

Was war passiert? Auf Initiative des Stadtteilprojekts Altenessen-Süd/Nordviertel interviewte der Künstler Menschen im Stadtteil, befragte sie über die Lebensumstände im Quartier und über die damit verbundenen Probleme. Dabei spielte die Lebensqualität eine zentrale Rolle. Das Gesagte hielt Gigo Propaganda auf Papier, Video und auch – in Schlagworten – als Fassadenmalerei fest. Provokante Äußerungen wie „Totenhaus“ und „Endzeit“ sorgten nun für lautstarke Proteste.

Hausbesetzerkultur

Allen voran Thomas Spilker, FDP-Bezirksvertreter der BV V, der von „kunstvollen Schmierereien“ spricht, „die jeder Beschreibung spotten“. Seiner Meinung nach erinnere die Aktion eher an die „Hausbesetzerkultur“, denn an Kunst. Unterstützung erhält er von CDU-Ratsherr Uwe Kutzner: „Wer diese Art von Kunst als Bereicherung für den Stadtteil verkaufen will, vertritt sicherlich nicht die Meinung der Bewohner vor Ort. Als Kind des Essener Nordens fühle ich mich peinlich berührt.“

Während auch Friedel Frentrop (EBB) von einem „neuen, ärgerlichen Schandfleck“ spricht, der Besuchern das Negativ-Image des Viertels eindrucksvoll vor Augen führe, sieht Spilker gar den „sozialen Frieden in Altenessen“ gestört. „Es gibt schöne Graffiti; dies sind keine“, wettert er, „Das Projekt ist eine Schande für Altenessen.“

Noch im gleichen Atemzug formulierte der FDP-Bezirksvertreter einen Dringlichkeitsantrag, der umgehend der BV zuging. Seine Begründung: Man müsse schnell handeln, bevor der Ruf des Stadtteils Schaden nehme. Was Spilker darunter versteht, verdeutlicht ein Blick in die Tischvorlage: Darin fragt der FDP-Mann, wer denn das Projekt unterstützt habe. „Sollten dabei kommunale Steuergelder geflossen sein, so muss man klären, wen man in Regress nehmen kann“, fordert Spilker. Ferner solle geprüft werden, ob man Einfluss auf die Hauseigentümer nehmen könne, diese Kunst schnellstmöglich zu entfernen. Und wer dann die Kosten für diese Arbeiten tragen müsse.

Nur ein Mosaikstein

Spilkers Zorn basiert nach eigener Aussage auf Beschwerden, die er aus der Bevölkerung erhalten habe. An der Präsentation des Künstlers am vergangenen Wochenende, zu der rund 150 interessierte Besucher kamen, nahm er allerdings nicht teil. Auch habe er noch keine Möglichkeit gefunden, mit dem Künstler selbst und den beteiligten Hauseigentümern zu sprechen.

Stadtteilmoderatorin Tanja Rutkowski, die das Kunstprojekt vermittelnd auf den Weg brachte, versucht die Wogen der Empörung etwas zu glätten: „Dass die Aktion polarisiert, war uns schon vorher bewusst. Doch es gab bei der Präsentation auch etliche Stimmen, die die Intention, auf die Probleme vor Ort hinzuweisen, gutheißen. Das Projekt ist nur ein Mosaikstein unserer Arbeit in Altenessen.“

In der gestrigen BV-Sitzung wurde der Antrag Spilkers übrigens mit großer Mehrheit abgelehnt – bei drei Enthaltungen der CDU und gegen Spilkers Stimme. Bezirksbürgermeister Hans-Wilhelm Zwiehoff: „Eine Dringlichkeit ist nicht gegeben. Altenessen ist nicht mehr gefährdet als sonst auch.“ Dennoch wollen sich heute die Fraktionen gemeinsam mit der ISSAB zum informellen Gespräch treffen.

Dass sein Projekt Reaktionen hervorruft, damit hatte Gigo Propaganda gerechnet, ja sogar gehofft. Dass sich die Kritik jedoch so oberflächlich an der Fassadenmalerei festmacht, überraschte den Künstler dann doch.

„Viele Aussagen sind plakativ und wirken auf mich eher aufgesetzt. Einige Kritiker haben sich offensichtlich nicht mit der Intention des Projekts auseinandergesetzt“, sagt Gigo Propaganda. Es seien nicht etwa seine Worte sind, die er an die Hauswände schrieb: „Das ist die Realität, unverblümt. Alle Aussagen stammen von den Menschen dort.“

Dass diese Menschen nun beginnen, miteinander zu reden und versuchen, ihre Probleme gemeinsam zu lösen, verdiene Respekt und sei schon ein Teil seiner Kunst. „Es geht dabei nicht um schöne Graffiti, so der Künstler. Noch weniger habe sein Projekt das Ziel, allein die Probleme des Stadtteils plakativ in den Vordergrund zu stellen. „In dem ich die Aussagen der Menschen dort öffentlich mache, betone ich auch die Potenziale, die sich dahinter verbergen. Diese Chance haben die Kritiker zum Teil verpasst.“

Zur Beruhigung: Das Projekt ist erst abgeschlossen, wenn alle Wände wieder überstrichen wurden. So wie dies auch bei einer vergleichbaren Arbeit des Künstlers im Süden der Stadt war. „Dies wird noch in dieser Woche geschehen.“

 
 

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