„Die Partei!" auf bierseliger Büdchen-Wahlkampftour in Essen

Die Partei macht mit ihrer Büdchentour Wahlkampf der anderen Art.
Die Partei macht mit ihrer Büdchentour Wahlkampf der anderen Art.
Foto: WAZ Fotopool
In Essen-Bochold gehen Mitglieder der Satirepartei „Die Partei“ auf Büdchentour. Gegen eine Unterschrift versprechen die punkigen Politiker Freibier. Im jungen Stadtverband aber rumort es: Der Tea-Party-Flügel will in der Bärendelle ein Kulturzentrum, der Bier-Party-Flügel dagegen „Inhalte überwinden!“.

Essen.. "Macht Ihr einen Junggesellenabschied?" Die Frage des Passanten ist nicht ganz unberechtigt, denn die bunte Truppe, der er begegnet, zieht mit einem Bollerwagen und Bierflaschen durch den Stadtteil. So bereiten sie sich jedoch auf etwas ganz anderes vor als auf eine Hochzeit: nämlich auf die bevorstehende Kommunalwahl. Um an genügend Unterschriften zu gelangen, die für eine Kandidatur notwendig sind, haben sich die Mitglieder und Freunde der Satirepartei „Die Partei“ zur „Büdchentour“ verabredet – Verpflegung und Reiseführer inklusive.

Ingo Pohlmann kennt sich in dem Stadtteil aus. „Hier in dem Haus hat mal meine Oma gewohnt“, sagt er und zeigt auf ein Gebäude gegenüber der Bude„Zollhaus“ an der Zollstraße, Ecke Bocholder Straße. Eigentlich hätte er die Büdchentour gerne am Kiosk knapp 50 Meter weiter begonnen, „den kenne ich schon aus meiner Kindheit“. Doch die Rollläden sind heruntergelassen – und das wohl schon seit Jahren. „Pohlmanns Finger wandert flugs weiter: „Hier stand die Phönix-Hütte, eins der ersten Stahlwerke mit Kokshochofen“.

Essener Punk-Flügel der Partei verweigert Einheitslook der Bundespartei

Pohlmann ist nicht nur der geborene Gästeführer, er ist auch Kandidat für „Die Partei“ in Borbeck. Heute unterstützt er Nadine Melsa, die für den Bocholder Bezirk an den Start gehen will. „Aus Spaß“, wie sie versichert. Denn mit spaßigen Aktionen sorgt die vom Satiriker Martin Sonneborn vor zehn Jahren gegründete Partei längst bundesweit für Aufsehen. Prominente wie der Rockmusiker Bela B. oder der Autor Heinz Strunk unterstützen „Die Partei“ – in NRW ist der berühmte Krimimnalbiologe Mark Benecke gar Landesvorsitzender der Partei.

In dem jungen Essener Stadtverband hat solcherlei Prominenz noch nicht vorbeigeschaut. Aber man stehe in Briefkontakt, versichert Matthias Stadtmann, Spitzenkandidat für die Reserveliste. „Der Benecke schickt uns regelmäßig böse Mails, weil wir keine Anzüge tragen.“ Tatsächlich bilden graue Billig-Anzüge mit roten Krawatten bundesweit zum Einheitslook für die „Partei“-Mitglieder. „Wir sehen uns hier allerdings eher als Punkrock-Flügel“, so der T-Shirt-tragende Stadtmann.

Doch auch innerhalb Essens kennt die „Partei“ Grabenkämpfe – und steht damit den großen Parteien kaum nach. „Es gibt den konservativen Tea-Party-Flügel und den Bier-Party-Flügel“, so Stadtmann, der bereits vor fünf Jahren als unabhängiger Kandidat in den Kommunalwahlkampf zog. Der Erstgenannte wolle sich auch für ernste Forderungen einsetzen, wie die, aus der ehemaligen Hauptschule Bärendelle ein Kulturzentrum zu machen. Der andere Flügel kommt mit seinem Spaßverständnis und Slogans wie „Das Bier entscheidet“ oder „Inhalte überwinden!“ jedoch dem Geist der großen Mutterpartei entscheidend näher.

Rauchverbot-Verbot überzeugt

Um an Unterschriften zu kommen, müssen die Teilnehmer der Büdchentour der Satire-Partei „Die Partei“ etwas mehr tun, als Freibier auszuschenken: Die Gratisflaschen ziehen nicht richtig.

Während Ingo Pohlmann den Mitreisenden Wissenswertes zur Wolfsbank erzählt, überzeugt Direktkandidatin Nadine Melsa einen Bürger mit dem Parteislogan „Rauchverbot verbieten“. „Früher hat man noch gemütlich in Kneipen gehockt“, bedauert dieser, „heute geht das nicht mehr.“ Immerhin: Nach einer halben Stunde gibt es die erste Unterschrift.

Nach und nach kommen immer mehr zusammen – und es kristallisiert sich heraus, dass nicht das Bier entscheidend ist, sondern das Rauchverbot-Verbot. „Unter 20 gehe ich nicht nach Hause“, sagt Nadine Melsa irgendwann. Promille oder Unterschriften? „Was zuerst kommt“, lacht sie. Kein Problem, der Bollerwagen ist gut gefüllt, es gibt noch viele Buden abzuklappern – und Ingo Pohlmann kennt noch viele Geschichten.

 
 

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