Ehrenamtliche erfüllen letzte Wünsche todkranker Menschen

Nazan Aynur, Mitarbeiterin des ASB Ruhr, ist seit Beginn an dabei.
Nazan Aynur, Mitarbeiterin des ASB Ruhr, ist seit Beginn an dabei.
Foto: Ulrich von Born
„Letzte Wünsche wagen“ steht in weißer Schrift auf blauem Untergrund auf dem Auto. Der Wünschewagen des ASB Ruhr ist weit über Essen hinaus bekannt.

Essen. Der Tacho zeigt nach gut zwei Jahren 48.909 Kilometer an – mehr als einmal rund um den Globus. Hinter dieser Zahl steckt aber weit mehr als nur eine mathematische Strecke. Bei dem Fahrzeug handelt es sich nämlich um den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Ruhr.

„Im September 2014 wurde der Wagen in Dienst gestellt. Da konnten wir nicht wissen, dass sich das so entwickeln würde“, sagt Nazan Aynur, die sich mit Ines Jungmann und Amelie Hecker um das Projekt kümmert. Im ersten Jahr fuhren Ehrenamtliche des ASB 40 todkranke Menschen zum Ziel ihres letzten Wunsches. „Das musste sich ja erst einmal herumsprechen. Wir mussten viel Netzwerkarbeit machen“, erzählt Nazan Aynur. Außerdem sei es ja auch eine Frage des Vertrauens, „wenn man seinen Angehörigen in die Hände fremder Menschen gibt“, auch wenn Angehörige stets mitfahren können und es auch tun.

"Platz eins der Ziele ist das Meer"

Heute ist der Wünschewagen weit über Essen hinaus bekannt. Etwa ein Drittel der Nachfragen kommt aus Essen, zwei Drittel aus dem restlichen NRW. Nachfragen kommen von Hospizen und Krankenhäusern ebenso wie von Privatpersonen. Knapp 100 Ehrenamtliche stehen beim ASB bereit, die Fahrt zu begleiten. „Platz eins der Ziele ist das Meer. Auf Platz zwei kommen Besuche von Sportereignissen und Zoos. Und an dritter Stelle sind es Familienfeiern“, erklärt Amelie Hecker. So wie bei dem alten Mann aus Essen, der zur Kommunion der Enkelin nach Düsseldorf gefahren wurde.

Die Wünsche sind so vielfältig wie die Menschen. Da war zum Beispiel der Mann, der noch einmal mit einem Schiff der „Weißen Flotte“ über den Baldeneysee schippern wollte. Oder der Mann, der aus einem Hospiz in Baden-Württemberg nach Essen gebracht werden wollte, um bei seiner Tochter zu sterben. Der Tod ist auf den Fahrten gegenwärtig. „Die Grundstimmung ist aber eher eine fröhliche. Es wird viel gelacht“, erzählt Nazan Aynur. Die schnellste Erfüllung eines Wunsches dauerte gerade einmal zwei Stunden – ein alter Mann wollte seine Enkelin noch einmal Fußball spielen sehen. Andere Wünsche bedürfen hingegen einer längeren Vorlaufzeit. „Zudem ist es ein Unterschied, ob die Fahrt termingebundenen ist oder nicht“, sagt Nazan Aynur.

Projekt wird nur über Spenden getragen

Bei allem Engagement kann das ASB-Team nicht jeden Wunsch erfüllen. Bestimmte Voraussetzungen müssen erfüllt werden. Das Ziel muss mit dem Auto in einer akzeptablen Fahrzeit erreichbar sein. Der Fahrgast muss entweder aufgrund seines hohen Alters oder einer Krankheit nicht mehr lange zu leben haben. Um das beurteilen zu können, steht der ASB in Kontakt mit Ärzten und Pflegepersonal. Und ganz ohne Bürokratie kommt auch der Wünschewagen nicht aus. So muss zum Beispiel eine Patientenverfügung vorliegen.

Der guten Idee tun die nüchternen Formalien keinen Abbruch. „Der Wünschewagen öffnet die Herzen“, sagt Amelie Hecker. Und nicht nur die. Auch Portmonees. Der Fahrgast und ein Angehöriger fahren kostenlos mit. Das Projekt wird nur über Spenden getragen. „Wir erhalten oft Kondolenzspenden“, berichtet Nazan Aynur. Dankbare Hinterbliebene möchten, dass auch andere Menschen den Wünschewagen nutzen können. „Wenn sie nicht gewesen wären, hätte ich nicht heiraten können“, bedankte sich eine junge Frau, deren Vater mit dem Wünschewagen zu ihrer Hochzeit gefahren wurde.

Der Wünschewagen ist eine Erfolgsgeschichte, die 2016 mit dem Innovationspreis des ASB ausgezeichnet wurde. Das Logo und das Bild sind gesetzlich geschützt. Im nächsten Jahr werden ASB-Wünschewagen in elf Bundesländern unterwegs sein. In Essen wird ein zweiter Wagen stationiert. „Mit einem Sternenhimmel unter der Decke“, sagt Nazan Aynur. Und mit null Kilometern auf dem Tacho.

 
 

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