Nilofar Yousefi arbeitet im Asylheim, in dem sie als Kind lebte

Das Asylheim auf dem Kutel-Gelände ist der Arbeitsplatz von Nilofar Yousefi (im Hintergrund die Büros von Bundesamt für Migration,  Ausländerbehörde und Bezirksregierung). In dem alten Asylheim am Kutel hat sie als Kind selbst gelebt.
Das Asylheim auf dem Kutel-Gelände ist der Arbeitsplatz von Nilofar Yousefi (im Hintergrund die Büros von Bundesamt für Migration, Ausländerbehörde und Bezirksregierung). In dem alten Asylheim am Kutel hat sie als Kind selbst gelebt.
Foto: Essen
Nilofar Yousefi kam als Kind aus Afghanistan nach Deutschland. Heute arbeitet sie in dem Flüchtlingsheim in Essen, in dem ihre Familie 1994 lebte.

Essen. Als Nilofar Yousefi sechs Jahre alt war, lebte sie mit ihrer Familie in einer der Baracken auf dem Kutel-Gelände in Fischlaken. Sie war ein Flüchtlingskind, das kein Wort Deutsch sprach und die Großmutter in Kabul vermisste. 22 Jahre später ist Yousefi ins Kutel zurückgekehrt: Das – neu errichtete -- Asylheim mit 800 Plätzen ist jetzt ihr Arbeitsplatz. Die junge Frau ist dort Betreuungsleiterin für die Firma European Homecare – eine, die das Rätsel der Ankunft selbst erlebt hat.

Yousefi erinnert sich noch gut an ihr erstes Leben in der afghanischen Hauptstadt, wo sie als ältestes von vier Kindern in einer wohlhabenden Familie aufwuchs. Der Vater, studierter Historiker, handelte mit Juwelen und Teppichen. Die Mutter, eigentlich Pädagogin, arbeitete als Journalistin und erregte mit Reportagen aus dem Frauengefängnis den Unmut des Taliban-Regimes. Dass ihre Töchter keine Schule besuchen dürften, „wäre langfristig ein Grund gewesen, das Land zu verlassen. Bildung war ihnen sehr, sehr wichtig“.

Bevor sie über eine Ausreise nachdenken konnten, wurden sie dazu auf grausame Weise gezwungen: Als Nilofar 1994 mit zwei Geschwistern und der Mutter unterwegs war, wurde der Vater entführt. Der daheimgebliebene Sohn wurde bei dem Überfall getötet. Ihre Mutter könne bis heute nicht darüber sprechen, und auch damals schwieg sie – aber sie handelte: Packte, flog mit den drei Kindern nach Deutschland.

Welches Drama sich in der Heimat ereignet hatte, erfuhr Nilofar im September 1994 in der Erstaufnahmeeinrichtung in Münster. Sie saß mit ihren Geschwistern auf einem Spielteppich, als die Mutter einem Dolmetscher vom Tod des Bruders erzählte. Schockiert lief das Kind zu der weinenden Mutter, die Erwachsenen wechselten das Thema.

Einschulung mitten im Unterricht

Wenig später kam die Familie nach Essen: Ein Zimmer in der städtischen Unterkunft auf dem Kutel-Gelände wurde ihr Zuhause. „Ich weiß noch, wie mich die Hochbetten erstaunten! Ich fand es verlockend, hochzuklettern, hatte aber Angst, dort oben zu schlafen.“ Eine Angst, die ihr heute hundertfach begegnet: „Fast alle Bewohner hier nehmen die Hochbetten auseinander, auch wenn der Raum dann vollgestellt ist. Ich verstehe das gut.“

Wo heute farbig gestaltete zweistöckige Bauten stehen, waren damals graue, eingeschossige Baracken aufgereiht. Einen Spielplatz habe es gegeben, ebenso eine Kleiderkammer. Auch Security und Betreuer arbeiteten im alten Kutel, wo jetzt aber ein vielsprachiges Team tätig ist, seien nur Deutsche gewesen. „Wir waren auf uns gestellt.“

Nach wenigen Monaten zogen sie in ein Heim im Löwental, für zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit kam der Vater frei, wurde die Familie vereint. Da war Nilofar längst Schulkind, eingeschult im Januar 1995 in Werden; mitten im Unterricht. Nur Hallo und Tschüs konnte sie auf Deutsch sagen, als sie die Klasse betrat. Die Lehrerin wies freundlich auf einen Stuhl, „und ich habe mich falsch rum hingesetzt“. Anfangs sei alles schwierig gewesen, „aber so musste ich Deutsch lernen“.

Heute könnten sich die Flüchtlingskinder in Seiteneinsteigerklassen oft auf Arabisch unterhalten. Sie sammelte vom ersten Tag deutsche Vokabeln: „Meine Mutter hatte mir den Auftrag gegeben, täglich mindestens zwei neue Wörter mitzubringen. Die habe ich ihr Zuhause erzählt, und so hat sie mitgelernt.“

Als großes Glück beschreibt Nilofar Yousefi die Menschen, die sie und ihre Familie an die Hand nahmen: Ihre Lehrerin, die nachmittags mit ihr übte und half, dass sie nach nur einem halben Jahr in die zweite Klasse versetzt wurde. Ihre Grundschulfreundin, bei der sie ein und aus ging. „Und die mich auch im Flüchtlingsheim besuchen durfte.“

Als ihre Familie in Rüttenscheid in eine eigene Wohnung zog, kümmerten sich die im Haus lebenden Vermieter: „Die erklärten uns alle Sitten, stellten uns Kindern zu Nikolaus Päckchen vor die Tür.“ Und viele Lehrer hätten sie auf dem Weg zum Abitur ermutigt. „Für meine Eltern war immer klar, dass meine Geschwister und ich an die Uni gehen. Sie waren bei jedem Elternabend, nahmen unsere Noten sehr ernst.“ Als nur angedacht wurde, dass Nilofar die 5. wiederholen sollte, „saßen beide weinend auf dem Sofa“.

Sich selbst seien sie für keinen Job zu schade gewesen, die Mutter habe als Küchenkraft gearbeitet, der Vater als Auslieferungsfahrer, heute sei er als Taxiunternehmer selbständig. „In Kabul hatte er einen Fahrer.“ Sie sei nur einmal als Schülerin nach Afghanistan gereist: „Dort leben, so wie meine Cousinen, unvorstellbar! Mein Zuhause ist Deutschland.“

Wie ihre Geschwister hat Nilofar Yousefi ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen; und parallel gab sie Kindern aus Einwandererfamilien Nachhilfe. 2011 hat sie geheiratet, 2014 kam ihre Tochter zur Welt; und im Sommer 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, suchte sie eine Stelle. Sie fing als Sozialbetreuerin bei European Homecare an und empfahl sich wohl rasch für die Leitungsfunktion im Kutel. In den Zeltdörfern am Altenbergshof und Pläßweidenweg hatte sie zuvor viel engeren Kontakt zu den Bewohnern, konnte sie trösten: „Eure Geschichte ist auch meine, ich weiß, wie sich das anfühlt.“

Doch ihr Verständnis kennt auch Grenzen, etwa wenn jemand nicht lernen wolle. Oder hohe Ansprüche habe, mit nichts zufrieden sei, die Möbel zu alt finde. „Ich sage dann: Unser erstes Sofa kam vom Sperrmüll.“ Sie hat es als Kind mit ihrer Mutter durch Werden geschleppt.

Die Geschichte des Kutel

  • Das Kutel (von Kuh-Hotel), war von 1969 bis 1990 ein großer Milchproduktionsbetrieb an der Hammer Straße in Fischlaken.

  • 1990 stellte die Stadt auf dem Gelände 86 Wohncontainer auf, in denen vor allem Roma untergebracht wurden. 2004 wurde das Flüchtlingsheim aufgelöst. Anfang 2016 eröffnete dort die neue Erstaufnahmeeinrichtung des Landes mit 800 Plätzen.

 
 

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