Neues Geschäftsmodell der Clans: Flüchtlingen droht Abzocke

Gerd Niewerth
Bundesweite Großrazzia gegen libanesische Schleuserbanden: Am 4. November war auch Essen Schauplatz dieses aufwändigen Polizeieinsatzes.
Bundesweite Großrazzia gegen libanesische Schleuserbanden: Am 4. November war auch Essen Schauplatz dieses aufwändigen Polizeieinsatzes.
Foto: Stephan Witte / KDF Picture
Die Vermietung umgebauter Billig-Häuser an Flüchtlinge gilt als neues Geschäftsmodell arabischer Clans.  Essener Sozialamt spricht von „Baustelle“.

Essen. Bei der spektakulären Großrazzia Anfang des Monats in Altenessen hatten die Sicherheitsbehörden libanesische Clans im Visier. Als Flüchtlingsschleuser sollen sie die Not syrischer und libanesischer Flüchtlinge auf kriminelle Weise ausnutzen. Damit nicht genug: Auch die Vermietung von Privatwohnungen an die hier Gestrandeten soll sich zunehmend zu einem lukrativen Geschäft entwickeln.

Unter der Schlagzeile „Die Gangster, der Staat und die Migranten“ berichtet der „Focus“ über ein „Geschäftsmodell“, das jetzt auch in Essen aufgezogen werde. Dem Magazin zufolge „bauen arabische Clans in Städten wie Berlin, Dortmund, Essen oder Bremen Wohnungen zu Flüchtlingsunterkünften um“. Über Sozialleistungen, die vielen Flüchtlingen zustehen, sind dann für die Clans sichere Einkünfte garantiert. Ein brisantes Thema, das die Verantwortlichen in Essen hellhörig macht. Thomas Rüth vom „Aktionsbündnis Sicheres Altenessen“ etwa hält das Geschäft mit der Flucht für „moralisch verwerflich“. Eine Ansicht, die auch von Teilen der libanesischstämmigen Community geteilt werde. „Aus etlichen Gesprächen weiß ich, dass sie sich für ihre Landsleute aufrichtig schämen.“

Auch Sozialamtsleiter Hartmut Peltz spricht von einer „Baustelle“ und sagt: „Darauf müssen wir ein Auge haben.“ Sobald Flüchtlinge den staatlichen Unterkünften den Rücken zugekehrt hätten und eine Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt suchten, seien die Kontrollmöglichkeiten seiner Behörde äußerst beschränkt. Einschlägig bekannte Essener Familienclans sind bislang hauptsächlich durch schwere Straftaten im Rotlicht- und Rauschgiftmilieu aufgefallen. Nun, so sind sich Experten einig, verspricht auch das Miet-Geschäft mit Flüchtlingen lukrative Gewinne abzuwerfen. In Wohnungen, in die gewaschenes Geld geflossen ist.

100 Euro für Schulplatz

Im Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte versucht ein wachsendes Heer so genannter Berater und Dolmetscher schon seit langem Fuß zu fassen. Mitunter nehme das Berater-Unwesen groteske Züge an. So kursiert in den Unterkünften die Mär, private Vermittler würden Flüchtlingskindern für „hundert Euro“ einen Schulplatz besorgen. Ein Unsinn, der bei Hartmut Peltz Kopfschütteln hervorruft. „Um einen Schulplatz kümmert sich seit jeher der Staat – und das auch noch kostenlos.“

Um Flüchtlinge vor Geschäftemachern zu schützen, hat das Sozialamt jüngst unseriösen Dolmetschern den Nährboden entzogen, die sich bei Behördengängen gegen Bares als Übersetzer anbieten. Viele Flüchtlinge glauben, dass sie ohne solche Übersetzer völlig aufgeschmissen sind. Peltz: „Wir haben das System komplett umgestellt, niemand muss mehr einen Übersetzer mitbringen, den stellt nun die Stadt.“ Staatliche Verwaltung sei auch hier der beste Schutz vor Abzocke. Thomas Rüth von Aktionsbündnis bittet insbesondere libanesische Mitbürger um Mithilfe im Kampf gegen Miethaie. „Ich appelliere an sie, sich den Behörden anzuvertrauen, sobald sie Kenntnis haben von ausbeuterischen Praktiken in ihrem Umfeld.“