Neue Essener Partei schwärmt vom „Schöner Leben“

Im Rat ist Janina Herff für „Schöner Links“ aktiv, jetzt mischt sie bei der Gründung einer
Im Rat ist Janina Herff für „Schöner Links“ aktiv, jetzt mischt sie bei der Gründung einer
Foto: WAZ
Zwischen handfestem Einsatz und Träumerei: Eine Gruppe um das Ratsduo „Schöner Links“ will mit einer neuen Partei die Herzen der Bürger erobern.

Essen..  Sie kommen gleich. Nur eben noch vor der Tür eine rauchen.

Eine Zigarettenlänge später nimmt der weihevolle Akt dann zügig seinen Lauf: Man greift zum Gläschen Prosecco oder wahlweise Orangensaft aus dem Bioladen, und unterm Flatterbild eines etwas dicklichen blauen Kolibris besiegelt in Ermangelung einer flammenden politischen Rede ein tiefer gegenseitiger Blick in die Augen, dass das hier an der Gladbecker Straße 10 wirklich ernst gemeint ist: die Geburtsstunde einer neuen Partei, der Name ist Programm: „Schöner Leben“.

Wen das prompt an die Ratsgruppe „Schöner Links“, erinnert, die sich einst von der örtlichen Linkspartei im Essener Stadtparlament abspaltete, der liegt schon mal nicht ganz falsch – und kennt auch zwei der Mitstreiter, die sich nichts weniger vorgenommen haben, als mit ihrer Diskussions-Plattform die politische Landschaft auf den Kopf zu stellen: Anabel Jujol und Janina Herff.

Die scheuen sich in der vermeintlichen Polit-Sackgasse nicht, wo andere vielleicht kleine politische Brötchen backen würden, den ganz großen Teig anzurühren: für ein neues Bild von Politik, für eine neue Achtsamkeit gegenüber den Bürgern, weg von den politischen Prozessen, die sie selbst kennengelernt und angewidert haben: Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit, Liebe, Würde und Glück – nein, räumen sie selbst ein: „Eine Nummer kleiner geht es nicht.“

Es passt nicht ins übliche Schema lokaler Akteure, wenn die im dritten Satz schon europäische Zusammenhänge auffächern, „weil das was uns antreibt, sich nicht kommunal lösen lässt“. Die bei der Frage nach ihrem Programm erst einmal nur aufs Grundgesetz, die Menschenrechte und humanistische Ideale verweisen. Und beteuern: ja, das werde man wohl irgendwie erarbeiten mit denen, für die man Politik macht. Die versprechen, ganz genau zuzuhören, was die Menschen da draußen wollen. „Zuhören auf Augenhöhe bei denen, die wie wir schöner leben wollen“, sagt Ratsfrau Anabel Jujol und fragt sich, was wohl tausende alleinerziehende Essener Mütter mit Hartz IV-Bezug darunter verstehen könnten.

Vielleicht die Lachsschnittchen, die da auf dem Zisch drapiert sind?

Neue Möglichkeiten der Teilhabe wollen sie entwickeln, Politik machen, ohne machtgeil zu sein, sich „zu einer Reise aufmachen“, so Andreas Brinck, von der sie noch nicht wissen, wohin sie führt. Was Neues. Noch mehr Demokratie wagen. Nicht mit Ellbogen Parteikarrieren anpeilen, sondern reden und (aus)reden lassen.

Klingt nach einer Mischung aus Sonnebornscher „PARTEI“-Ironie, Künstlerprojekt und Graswurzelbewegung und findet aber, da sind sich die Mitstreiter sicher, immer mehr Anhänger: bei Nicht- und Protestwählern und all denen, die mit dem althergebrachten Parteienspektrum nichts anzufangen wissen.

Zwei mal monatlich wollen sie unter dem Motto „Das werd ich doch mal sagen dürfen“ zu Veranstaltungen laden, Premiere ist am 15. Oktober um 18.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus an der Kerckhoffstraße 22, wo sie zeigen wollen, dass es in der Politik auch ohne „Moralkeulenschwinger und Berufsnörgler“ geht. Schon bei der Landtagswahl im Mai wollen sie antreten.

„Sie können ruhig schreiben, dass wir spinnen!“, lautet der gute Rat.

Wer kommt denn auf sowas?

 
 

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