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Aus dem Knast zum Netflix-Star: Wie der Essener Rapper Sinan-G zum Clan-Boss in „Dogs of Berlin“ wurde

Sinan-G ist in der Hauptrolle der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“.
Sinan-G ist in der Hauptrolle der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“.

Essen. „Zu viele reden mit mir, doch ich habe keine Zeit“, rappt Sinan-G in seinem brandneuen Track „Money Monée“. Er liegt in einer Badewanne - voller grüner und lila Scheine.

Wir haben Glück. Der Essener Rapper hat Zeit, wir erreichen ihn noch etwas verpennt, aber gut gelaunt auf dem Weg nach Düsseldorf.

Es gibt viel zu tun. Denn der Essener bringt im März ein neues Album raus. „Jackpot“ wird es heißen. Zuletzt hat Sinan-G, der mit bürgerlichem Namen Sinan Farhangmehr heißt, mit der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ für Aufsehen gesorgt.

Netflix-Serie: Essener Rapper Sinan G. spielt Hauptrolle in „Dogs of Berlin“

Sinan-G spielt in der Netflix-Produktion einen Clan-Boss, der ins Visier der Polizei geraten ist. Für den Mann mit iranischen Wurzeln ein vertrautes Terrain. Er ist im Essener Norden aufgewachsen. „Die Kindheit war turbulent, mit Höhen und Tiefen,“ erzählt er. „Multikulti halt.“

Was er damit meint. Als Teenager gerät er an falsche Freunde, klaut, verübt Einbrüche. Und landet wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Einbruchs in der JVA Siegburg.

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„Wir hatten fast gar nichts, wollten Kohle machen, da hat man die Kräfte gebündelt“, sagt er über die Zeit damals. Der erste Gefängnisaufenthalt beendet seine Karriere als talentierter Fußballer. Denn Sinan-G kickt in der Jugend bei Rot-Weiss Essen, kommt laut eigene Aussage sogar für den iranischen WM-Kader 2006 in Frage.

Doch daraus wird nichts. Als er von einem Trainingslager aus dem Iran zurückkommt, wird er festgenommen. „Da war's mit Fußball alles vorbei.“

Rap im Knast lieben gelernt

Doch im Knast entdeckt er die Musik für sich. Ami-Rap habe er vorher schon gehört, sein älterer Bruder Roozbeh (bekannt als Musik-Journalist „Rooz“) nahm ihn auch mit zu Slams und Konzerten.

Selbst rappen? „Konnte ich vorher nicht, hab es nur von Kollegen mitbekommen. Im Knast hab ich angefangen, Texte zu schreiben, mir das selbst beigebracht.“

Und in der Rap-Szene bekommt er Unterstützung. Eine „Free Sinan“-Bewegung macht den Rap-Anfänger schlagartig berühmt. Als er nach eineinhalb Jahren rauskommt, wird „das Rap-Ding immer größer“, sagt der Essener. Er produziert Tracks mit Eko Fresh, Farid Bang und Bushido.

Aus dem Knast zum Netflix-Star

Es läuft bestens. Doch 2016 muss er erneut ins Gefängnis. Körperverletzung. Und dann ist da plötzlich dieses Angebot.

Sein älterer Bruder Roozbeh wird gefragt, ob er nicht einen Schauspieler für eine Serie kenne. Er kennt jemanden, Sinan passt optisch perfekt für die Rolle. Problem: Er ist kein Schauspieler. Und sitzt im Knast.

Doch Sinan kämpft für die Rolle, besucht im Hafturlaub die Castings statt seine Familie, überzeugt die Haftleitung, dass dies eine große Chance für ihn sei.

Und tatsächlich. Er bekommt die Rolle. Aber nicht irgendeine. Die Hauptrolle. „Das war nicht einfach. Es ging ohne Schauspielschule oder was direkt in die Serie. Es musste direkt sitzen.“

„Bin geblieben wie ich bin“

Was ihm zugute kam: „Ich bin einfach geblieben wie ich bin, gab ja viele Parallelen zu meinem echten Leben.“

Wer im Essener Norden groß wird, der lebt Tür an Tür mit arabischen Großfamilien. „Das war für mich Alltag und ganz normal. Habe selbst eine große Familie, da hält man zusammen.“ Wichtig ist ihm auch zu betonen: „Es ist nicht jeder kriminell von den Clans. Ich will niemand verteidigen. Wer Scheiße baut, muss sich dafür gerade machen. Habe ich auch.“

Für viele sei es eben schwer, einen Job zu finden, gerade wenn man „illegal“, also nur geduldet ist. „Manche machen ne Bar auf, werden dann durch Kontrollen und Razzien runtergemacht, es wird ihnen schwer gemacht. Da braucht man sich nicht wundern, wenn sie dann in die Illegalität gehen. Aber das ist ne Systemdebatte“, sagt der Essener.

Viel Kritik an „Dogs of Berlin“

In der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ spielt Sinan-G den Clan-Boss Hakim Tarik-Amir. Der brutale Gangster-Boss bekommt es in der Serie mit korrupten Polizisten, dem eigenen aufstrebenden Bruder, verfeindeten Clans und Neo-Nazis zu tun. Ein großer Plot. Vielleicht zu groß?

Denn die Kritik zur Serie ist teils verheerend. „Dogs of Berlin ist eine Serie, die so schlecht ist, dass es frech ist“, schreibt die Vice. „Spiegel Online“ findet die Serie „peinlich“. Die Vorwürfe: nicht authentisch. zu viel klischeebeladen. Zu krawallig.

Darauf angesprochen, sagt der Rapper: „Mag sein, dass es nicht authentisch ist. Aber wir sind ja keine Dokumentation. 'Dogs of Berlin' ist eine rein fiktive Serie, erfunden und eben Unterhaltung. Das Drehbuch gibt es schon seit zehn Jahren, es war nicht das Ziel, eine echte Doku zu sein.“

Er findet: „Andere Länder feiern ihre Serien, in Deutschland wird kritisiert. Dabei sollten wir die Kräfte in Deutschland bündeln.“ Er sei jedenfalls sehr stolz, in der Serie mitgewirkt zu haben, bekomme noch immer viele positive Nachrichten von Fans.

Warum die Serie so kritisch beäugt wird? Sinan-G hat einen Verdacht. „Wir haben fünf, sechs, acht verschiedene Storys in der Serie. Die Welt ist sehr groß, Ausmaß und Storyboard sind vielleicht zu groß für den deutschen Markt. Ich denke, man muss das vielleicht einfach ein bisschen laufen lassen.“

Die harten Jungs aus Essen

Und dann ist da noch die zweite Clan-Serie. „4Blocks“, mit der die neue Netflix-Produktion immer wieder verglichen wird: „Bei 'Dogs of Berlin' geht es um zwei Polizisten, die einen Fall aufklären und dabei die Schattenseiten von Berlin kennenlernen. Bei '4Blocks' geht es mehr um die Clans an sich“, will Sinan-G von Vergleichen nichts wissen.

Was aber beide Serien gemeinsam haben: ein Essener spielt den härtesten Gangster. Da stellt sich die Frage: Muss man aus Essen kommen, um die harten Serie-Gangster zu spielen?

Da muss der Mann mit dem markanten Bart lachen. Dann sagt er: „Wenn du in Essen aufgewachsen bist, bist du einfach authentisch.“

Aber ja: „Ist ein großer Zufall.“ Aber die Tatsache mache ihn umso stolzer. Denn mit Rapper-Kollege Veysel, der in „4Blocks“ den brutalen, größenwahnsinnigen Bruder von Toni Hamady spielt, sei er aufgewachsen. „Wir sind Freunde, kennen uns schon vor dem Start mit der Musik.“ Da sei es schon ziemlich cool, dass sie so aus dem „bisschen Elend“ rausgekommen seien.

Von Essen nach Hollywood - oder so ähnlich.

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„Hab mega Spaß am Schauspielern“

Ein gemeinsamer Auftritt der beiden in „4Blocks“, für den Rapper nicht ausgeschlossen: „Wäre cool, wenn es passt. Ich bin nicht abgeneigt, es geht ja auch nicht um Loyalität dabei.“ Oder aber: „Geil wäre auch 'Dogs of Berlin' und '4Blocks' zu fusionieren“.

Sehen wir Sinan-G bald schon öfter auf der Glotze? Es gäbe schon Gespräche über neue Rollen stehen im Raum. „Ich hab mega Spaß am Schauspielern, bin auf jeden Fall am Start und hoffe es geht weiter.“

Weiter geht es zunächst mal musikalisch. Am 8. März erschien das Album „Jackpot“ von Sinan-G. Bis dahin gibt es drei Singles vorab auf den Streaming-Portalen.

„Ich freue mich, in Freiheit zu sein, Musik zu machen und meinen Job zu machen“, sagte der Rapper aus der Nordstadt zum Abschied.

Dieser Artikel erschien zuerst im Februar 2019 auf DER WESTEN.

 
 

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