Nationalsozialismus in Essen - Terror hatte längst begonnen

Nach der Machtergreifung: Mit dem Hitlergruß beginnt eine Sitzung der Stadtverordneten im Rathaus.
Nach der Machtergreifung: Mit dem Hitlergruß beginnt eine Sitzung der Stadtverordneten im Rathaus.
Foto: Fremdbild
Als Hindenburg heute vor 80 Jahren Hitler zum Reichskanzler ernannte, kippte auch in Essen das politische und gesellschaftliche Klima endgültig. Die NSDAP und die deutsch-nationale „Stahlhelm“-Organisation marschierten nach einer Kundgebung auf dem Burgplatz zum Rüttenscheider Marktplatz.

Essen.. Der NS-Terror begann in Essen nicht erst mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den alternden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Bereits vor vor der „nationalen Erhebung“, so die Bezeichnung der Nationalsozialisten, am 30. Januar 1933 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der KPD und den Mitgliedern der NSDAP-Organisationen. „Es herrschte eine bürgerkriegsähnliche Situation“, sagt Klaus Wisotzky, Leiter des Hauses der Essener Geschichte/Stadtarchiv.

Mehr als deutlich hatten die lokalen NS-Größen schon vorher ihren Gegnern gedroht: „Wir werden Euch im Dritten Reich die Eier schleifen, dass ihr die Engel im Himmel pfeifen hört“, schrie der lokale Demagoge Rudolf Zilkens einen linksgesinnten Zwischenrufer auf einer NS-Versammlung im Oktober 1931 an. Als „kaum weniger vulgär und aggressiv“ bezeichnet Hans-Josef Steinberg in seinem Buch „ Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945“ das mediale Sprachrohr der NSDAP im Gau Essen, die 1930 gegründete „National-Zeitung“. Von einer „emotional aufgeladenen Zeit“ spricht Wisotzky – sowohl politisch wie auch wirtschaftlich, durch die große soziale Not nach der Weltwirtschaftskrise.

NSDAP als zweitstärkste Kraft

In der Dauerausstellung seines Hauses werden das Ende der Weimarer Republik und die NS-Zeit in Essen thematisiert. Während besonders in den nördlichen, von Arbeitern dominierten Stadtteilen wie dem Segeroth die KPD als dritte Kraft in der Stadt Ergebnisse von mehr als 30 Prozent erzielte, schöpfte die zur zweitstärksten Partei gewachsene NSDAP ihr Wähler-Potenzial aus den evangelisch geprägten, gutbürgerlichen Stadtteilen wie Rüttenscheid, Bredeney und dem Südwesten der Stadt.

Als Beispiel dienen die lokalen Ergebnisse der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932. Stärker als die beiden Extreme war nur das katholische Zentrum, das im Großraum Borbeck sowie im Süden und Osten der Stadt seine Anhänger hatte. Bis 1932 war dessen Mitglied Franz Bracht Oberbürgermeister. Steinberg charakterisiert ihn als „im Grunde antirepublikanisch gesinnten konservativen Politiker“, Belastendes zu dessen Nachfolger Heinrich Schäfer (ebenfalls Zentrum) schreibt er nicht.

Anders als über die Essener Justiz und Polizei, der Steinberg eine „ausgesprochene Neigung“ attestierte, die Nazis „mit Samthandschuhen anzufassen“, oder über die Staatsanwaltschaft, der er „Einseitigkeit“ vorwirft, weil sie Vergehen der braunen Horden nicht öffentlich zur Anklage brachte. So war es etwa bei einem Angriff von SA-Leuten auf das Krayer Volkshaus im Oktober 1931. Dagegen verfolgte sie linksextreme Täter deutlich entschiedener.

Aufmarsch am Folgetag

Das bereits vorherrschende politische Klima in der Stadt neigte sich nach dem Tag der Machtübernahme weiter zugunsten der Nationalsozialisten. „Sie waren am 30. Januar selbst überrascht vom Gang der Ereignisse“, meint Klaus Wisotzky und führt das auf Aussagen des späteren NS-Oberbürgermeisters Theodor Reismann-Grone zurück, der am 5. April die Führung der Stadtverwaltung übernahm. Nur spontane Freudenbekundungen habe es gegeben. Erst am Folgetag, dem 31., marschierten die NSDAP und die deutsch-nationale „Stahlhelm“-Organisation nach einer Kundgebung auf dem Burgplatz zum Rüttenscheider Marktplatz.

Kaum Aufmerksamkeit bezeugen einerseits die Presseberichte am 31. Januar, in den Stadtausgaben der in Essen erscheinenden Zeitungen taucht die Machtergreifung nicht auf. Die Lokalseiten der „National-Zeitung“ aus der Zeit sind verschollen. Lediglich die „Essener Allgemeine Zeitung“ berichtete über das Verbot kommunistischer Kundgebungen.

Die Vertreter der Kommunistischen Partei-Opposition, einer späteren Widerstandsgruppe, waren die einzigen, die sich Gedanken gemacht hatten, wie man sich im Falle der Machtübernahme wehren müsse. „Es gab spontane Proteste in den Stadtteilen“, berichtet Wisotzky über die Reaktion der KPD-Anhänger. Ein Aufruf zum Generalstreik und zur Stilllegung der Betriebe hatte keine Wirkung. Das Erscheinen der KPD-nahen Zeitung „Ruhr Echo“ wurde ab dem 1. Februar 1933 untersagt. Überliefert ist nur, dass rund 150 Kommunisten am Abend des 30. Januar eine Feier von 20 SA-Männern stören wollten. Die Polizei schritt jedoch ein.

Fotografische Quellen sind Mangelware

Fotografische Quellen rund um das Datum sind leider Mangelware. Weder im Fotoarchiv des Ruhr Museum noch im historischen Bestand der Stadtbildstelle finden sich Aufnahmen des Tages. Ein besseres Bild skizzieren Zeitzeugen, etwa der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Diether Posser, der als Elfjähriger den 30. Januar erlebte und sich im Vorwort des vom Journalisten Thomas Rother verfassten Buches „Essen – eine Großstadt im Jahr des Unheils“ detailliert äußert:

„...Die Tragweite der Geschehnisse dieser Tage habe ich naturgemäß nicht erkennen können, ja ich erinnere mich, dass sogar Menschen, die kurz darauf Opfer von Terror und Verfolgung wurden, den Nazis unkritisch gegenüberstanden...“

 
 

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