Mutter aus Essen sucht bei Aktenzeichen XY nach ihrer Tochter Bianca

Erika Schneider (re.) aus Essen sucht ihre Tochter Bianca seit zwölf Jahren. Sie verschwand im Alter von 19 Jahren. Ihre Oma Hedwig Schneider hofft bis heute.
Erika Schneider (re.) aus Essen sucht ihre Tochter Bianca seit zwölf Jahren. Sie verschwand im Alter von 19 Jahren. Ihre Oma Hedwig Schneider hofft bis heute.
Foto: WAZ FotoPool
Erika Schneider aus Essen sucht immer noch nach ihrer Tochter Bianca Blömeke, die vor zwölf Jahren verschwand und ihr Baby zurückließ. Am 6. August 2000 sprach sie zum letzten Mal mit ihrer Tochter. Nun wird der Fall auch in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY" aufgegriffen.

Essen. Im Internet, in Clubs, auf dem Strich und mit Flugblättern: Bis heute sucht Erika Schneider aus Essen nach ihrer Tochter Bianca Blömeke, die heute 32 Jahre alt wäre. Sie verschwand vor zwölf Jahren und ließ ihr Baby zurück.

Bianca Blömeke ist im September geboren worden, sie hätte jetzt ihren 32. Geburtstag gefeiert. Den hat ihre Mutter Erika Schneider nicht mit ihr verbringen können: Denn ihre Tochter ist seit zwölf Jahren verschwunden. Und Erika Schneider hat sich wie in den elf Jahren zuvor an Biancas Geburtstag im Altenheim um die Spätschicht bemüht, damit sie bloß bis nachts arbeiten kann: „Ich würde sonst in Depression verfallen“, beschreibt sie die Ohnmacht, die quälende Ungewissheit. Ihr Leben war die ersten Jahre der Horror, sie selbst erlebt es bis heute wie einen Film, dessen Ende sie sich so sehr wünscht, einen Abschluss. Endlich Gewissheit.

Kein Lebenszeichen bis heute

Bis heute gibt es kein Lebenszeichen. „Vielleicht hat Bianca Angst, es sind so viele Jahre vergangen“, sagt ihre Mutter. Aber bis auf geregelten Stress, den es zwischen Teenagern und Eltern gibt, „haben wir nie im Streit gelebt. Bianca war ein fröhliches Kind.“ In der ganzen Wohnung hängen Biancas Bilder, die aus dem Kindergarten und eines, das eine Woche vor ihrem Verschinden entstand: Bianca mit blondem Pferdeschwanz. Sie hat die Schule in Vogelheim abgeschlossen, hatte eine Lehre zur Altenpflegerin begonnen. Eines Tages stand sie strahlend vor ihrer Mutter: „Mama, ich habe mich verliebt“. Bianca wurde dann schnell schwanger, mit 18 bekam sie ihren Sohn. Weil es mit dessen Vater oft Streit gab, zog sie mit Baby zurück nach Vogelheim ins Haus gleich neben ihrer Oma. Der Kindsvater war regelmäßig dort, auch als sie sich schon getrennt hatten: „Er ist doch sein Vater“, sagte Bianca, die Pläne schmiedete. Sie hatte ihr Kind in der Kita angemeldet, um die Ausbildung abzuschließen.

Am 6. August 2000 sprach Erika Schneider zum letzten Mal mit ihrer Tochter: „Sie rief mich kurz an, ich wollte mich später melden“, erzählt die Mutter, während ihr Tränen über das Gesicht laufen. „Anfangs habe ich auf dem Stuhl gesessen und ein Bettlaken vollgeheult“.

Ihre Tochter hat am Abend vor dem Verschwinden gekellnert, sei mit einem Bekannten nach Hause gefahren. Dort habe ihr Ex-Freund sie am Tag darauf mittags abgeholt. Nachbarn haben sie mit dem Säugling in die Wohnung in Vogelheim gehen sehen. Wenig später brachte er das Baby zur Oma, die sich an seine Worte erinnert: „Wir wollen uns aussprechen“.

Jahrelange planlose Suche

Als die Oma abends vorbeischaute und nach ihrer Enkelin fragte, „wusste er nicht, wo sie war“. Als die Mutter anrief, erklärte er erst, sie Bianca sei in der Wanne, dann an der Bude. Erst später erfuhren sie von Nachbarn, dass Bianca bitterlich geweint und um ihr Leben gefleht haben soll, sagt ihre Mutter. Die Polizei habe niemand gerufen. „Ich hatte gleich ein komisches Bauchgefühl“, sagt Erika Schneider, die am nächsten Tag unzählige Vermissten-Zettel mit dem Bild ihrer Tochter in der ganzen Stadt verteilte. Sie verschickte sie an Bekannte in der ganzen Welt, sie klapperte alle Clubs ab, reiste auch in andere Städte, bat überall Freunde um Hilfe, fuhr in Essen zum Straßenstrich. Die Polizei hatte viele Hinweise, die aber ins Leere führten. „Die ersten drei Jahre habe ich völlig planlos alles und alle mobilisiert“, sagt Erika Schneider, deren ganzes Geld in die Suche floss.

Heute sucht sie früh morgens und gleich nach Feierabend im Internet nach neuen Skelettfunden, hat selbst eine Seite eingerichtet, mit Beschreibung: 1,65 cm groß, 45 kg, Tätowierung an der Schulter, Narbe unter dem Kinn (bianca-bloemeke.de). Die Mutter hat viele Bilder eingestellt, ein Forum eröffnet, anonyme Hinweise sind möglich. „Es muss Mitwisser geben. Irgendwer muss sie gesehen haben.“ Einmal im Monat fährt sie zum Straßenstrich an die Gladbecker Straße. In anderen Städten halten Bekannte Ausschau, auch in Australien oder Singapur.

Wahrsagerin will Bianca beim fahrenden Volk gesehen haben

Erika Schneider hat eine Voodoo-Seite im Netz gefunden, bei der sie sich durch die englische Sprache kämpft. Sie durchforstet Seiten von Kinderporno-Ringen im Internet: „Bianca war zierlich, sie hätte für zwölf durchgehen können.“ Ein Wahrsager hat ihnen erzählt, Bianca sei beim fahrenden Volk. Daran hält ihre Oma fest. Vor einiger Zeit ist ihr eine Frau auf dem Friedhof aufgefallen: „Ob das Bianca war?“ Hedwig Schneider fühlt, dass ihre Enkelin lebt. Biancas Mutter glaubt das nicht mehr. Dennoch kreist auch sie um junge Frauen, spricht sie an. „Bianca ist immer präsent. Ich kann doch nicht so tun, als hätte es sie nie gegeben.“ Den Ex-Freund hat sie vor Jahren angeschrieben. Antwort kam nicht. Nun hat sie einen neuen Brief verfasst und ihre Telefonnummer aufgeschrieben: „Vielleicht weiß er, wer Bianca etwas angetan hat und hat nur furchtbare Angst“.

Im Juli hat Erika Schneider nach vielen Jahren ihren Enkel wiedergesehen, der im Heim lebt. „Ich habe ihm von seiner Mutter erzählt, Geschichten aus dem Kindergarten und von der Kommunion“. Sie hofft, dass er sich meldet. Im Januar feiert er seinen 13. Geburtstag.

 
 

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