Mut zur Lücke

Wolfgang Kintscher
Das ehemalige Jugendzentrum an der Papestraße liegt inzwischen größtenteils zerbröselt auf dem Gelände an der A40.
Das ehemalige Jugendzentrum an der Papestraße liegt inzwischen größtenteils zerbröselt auf dem Gelände an der A40.
Foto: Wolfgang Kintscher
Nicht nur neue Bauten verändern das Bild der Stadt, sondern auch der Abriss der heruntergekommenen alten: Wie selten zuvor nagt in Essen derzeit der Abrissbagger an Schrottimmobilien. Und das ist erst der Anfang.

Essen.  Kleine Bäumchen, die aus Mauerritzen wachsen, eingeschlagene Fensterscheiben und wahre Müllberge in ungenutzten Hauseingängen – manche Schrottimmobilien provozier(t)en die seufzenden Bürger täglich aufs Neue. Weil zwischen dem Auszug des letzten Nutzers und der Entscheidung über die Zukunft eines Baus nicht selten viele Jahre Siechtum liegen – auch und gerade bei städtischen Gebäuden.

Umso auffälliger, dass die Stadt in den letzten Wochen ihr Gesicht wandelt, weil gleich ein halbes Dutzend Groß-Immobilien der Abrissbirne zum Opfer gefallen sind und noch fallen: Vom alten AEG-Haus an der Kruppstraße, das dem Neubau für den Logistik-Konzern DB Schenker weicht, bis zum aufgegebenen Spaßbad „Oase“, vom einstigen Jugendzentrum an der Pape-straße bis zum Stadtarchiv, auf dessen Gelände ein Hotel der Marke „Moxy“ entstehen soll, vom neuen Kreuzeskirchviertel, das der Allbau entwickelt, bis zur alten Volkshochschule.

Der Abbruch als Zeichen des Aufbruchs: Baudezernentin Simone Raskob freut sich, dass die Philosophie, „reinen Tisch“ zu machen, sich augenscheinlich auszahlt: „Kaum ist das alte Stadtarchiv nach Jahren abgerissen, lässt sich das Gelände vermarkten: Das zeigt, dass das vorher ein Problem war – und bestätigt unsere Philosophie.“ Immerhin vier Millionen Euro investiert allein die Stadt in diverse große und kleinere Abriss-Projekte, und so wie’s aussieht, liegen sie alle im Zeit -und Kostenplan.

Anfang Oktober dürfte der Abriss-Kalender ein vorläufiges Ende finden, sieht man einmal vom Berufskolleg Holsterhausen ab, wo der Allbau aktiv wird. Und dann?

„Wir würden gerne weitermachen“, sagt Raskob – wohl wissend, dass es schwierig bis unmöglich werden dürfte, eine Pauschalsumme für Abrisse aus dem schwindsüchtigen Stadt-Etat zu bekommen. Denn Abrisse werden nicht als Investitionen, sondern als laufende „konsumtive“ Kosten verbucht. Und da der Stadt zum Jahresende die Überschuldung droht, gibt es wohl allenfalls Einzelfall-Entscheidungen.

An Vorhaben mangelt es nicht: Ein Dorn im Auge sind etwa sieben eingeschossige Pavillons an der Altenessener Straße (Abriss-Kosten: rund 180.000 Euro), eine ehemalige Gaststätte mit Schießstand an der Hallostraße 92 in Stoppenberg (400.000 €), die Turnhalle Serlostraße in Altendorf (230.000 €) und das ehemalige Kutel am Overhamms-hof in Fischlaken. Letzteres schlägt mit Kosten von nicht weniger als 1,3 Millionen Euro zu Buche, weil auch die Renaturierung geplant ist. Ob es dafür Geld gibt, entscheidet der nächste Stadtrat.