Mit dem Lastenfahrrad ELA durch Essen

Susanne Klose
Auch Lastenradfahren will gelernt sein
Auch Lastenradfahren will gelernt sein
Foto: WAZ
Um Essener Bürgern eine grüne Alternative zum Auto zu bieten, verleiht die Transition Town-Gruppe kostenfrei das Lastenrad ELA.

Essen. „I am the lizard king, I can do anything“, dichtete 1970 Jim Morrisson, Sänger der legendären Rockband The Doors. Exakt 46 Jahre später kann der „Lizzard King“ – so die knallgelbe Aufschrift auf dem Essener Lastenrad, kurz ELA – zwar nicht alles, dem Auto Konkurrenz machen kann er aber allemal. 180 Kilogramm inklusive Fahrerin sind das Höchstgewicht, das ELA mit der Kraft von Mensch und Pedale von A nach B schafft. Damit will Transition Town Essen eine leuchtendgrüne und kostenfreie Alternative zum Auto anbieten, wie Björn Ahaus erklärt. „Wir sehen das Lastenrad als ein Gemeingut – für weniger Autos und mehr Platz in der Stadt.“ Wie alltagstauglich das 25 Kilogramm schwere und 1,50 Meter lange Lastenrad wirklich ist, soll ein Selbstversuch zeigen.

Um ELA auf Herz und Drähte zu testen, ist zunächst eine kostenlose Registrierung auf der Website www.ela.transitiontown-essen.de nötig. Nach der Buchung via Online-Terminkalender erhalten die Nutzer eine Bestätigung per Mail mit der Telefonnummer der Person, die sich aktuell um die Ausgabe kümmert – in diesem Fall Björn Ahaus. Das Lastenrad ist derzeit in seiner Garage in Holsterhausen untergebracht.

Drei Meter Testfahrt

Und so wartet Björn an einem sonnigen Freitagnachmittag zusammen mit ELA in der Sonne in Holsterhausen. „Wir haben das Lastenrad von dem Preisgeld angeschafft, dass wir im Wettbewerb Stadtteil-Ideen der Klimawerkstatt Essen gewonnen haben“, erklärt der Sozialwissenschaftler, “wir nutzen ELA als Info-Mobil, um die nachhaltigen Ideen von Transition Town in die verschiedenen Stadtteile zu bringen“.

Da ELA aber nicht tagtäglich im Einsatz ist, habe sich die Gruppe dazu entschlossen, den drahtigen Packesel über ein Verleihsystem allen Essenern kostenlos zur Verfügung zu stellen und damit die Anzahl der Autos in der Stadt zu verringern.

Ein Übergabeformular quittiert die eingehende Überprüfung des Lastenrads auf Verkehrstüchtigkeit und nach einer kurzen Einführung durch Björn („Viel Schwung und nicht auf das Vorderrad gucken“) geht es auf zu einer Testfahrt – von genau drei Metern. Fahrrad fahren verlernt frau zwar nicht, aber fünf drahtesellose Jahre und ELAs stolzes Eigengewicht sowie die ungewöhnliche Lenkstange machen sich bemerkbar: der Lenker wackelt unruhig hin und her.

Schwierige Stellplatzsuche

Nach 10 Minuten Probelastenradeln geht es endlich los. Zu Fuß. Denn die Straßen in Holsterhausen sind von parkenden Autos gesäumt, ein Radweg existiert nicht und entgegenkommende Autos fahren gezwungenermaßen so nah an ELA vorbei, dass der kleinste Schlenker schmerzhaft enden könnte.

Solche Szenarien kennt auch Björn Ahaus. Besonders an Weihnachten wird es in den schmalen Nebenstraßen noch mal enger. „Hier stehen kurz vor den Feiertagen locker drei DHL-Wagen“, erklärt er und deutet auf die Kreuzung hinter sich, die komplett von parkenden Autos umringt ist. Es ist ein Anblick, der stellvertretend für die vielen Autos in der Stadt steht: Laut Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen fahren derzeit 242.979 Pkws und Kombis (Stand März 2016) auf Essen Straßen. Rechnet man dies auf den Bevölkerungsstand von 589.075 Bürgern im gleichen Zeitraum um, besitzt jeder zweite einen Pkw oder Kombi.

Zumindest gefühlt zeigt sich das auf der Straße. Der Lenker wackelt kaum noch, aber auf dem Weg zum Supermarkt an der Frohnhauser Straße, vorbei an fahrenden und parkenden Autos, fließt die ein oder andere Angstschweißperle. Und ELA offenbart eine Schwäche: Einen Stellplatz für das Rad zu finden, gestaltet sich im Verkehrs- und Einkaufsgetümmel relativ schwierig.

Buchung per Online-Terminkalender

Es zeigt sich aber auch, dass der wuchtige Eidechsenkönig als Pkw-Ersatz funktioniert – wortwörtlich: Die stolzen Maße scheinen den Autofahrern Respekt einzuflößen, zumindest die Ausweichschlenker fallen großzügig aus. Auch der üppige Einkauf, der ohne Lastenrad alleine nicht möglich gewesen wäre, passt locker in das geräumige Fach auf der Lenkstange.

Und so fliegen nach einem wackligen Anfang Bäume, Autos und staunende Fußgänger im angenehm kühlen Fahrtwind vorbei. Nach knapp vier Stunden fährt ELA sich fast von allein. Noch eine Runde im Gervinuspark, dann heißt es: This is the end – ELA muss zurück nach Holsterhausen.

Transition Town Essen verleiht das Lastenrad ELA kostenlos an alle Essener. Nach erfolgreicher Registrierung wählen Nutzer via Online-Terminkalender den gewünschten Termin aus. Nutzer erhalten nach dem Buchungsvorgang eine Bestätigungsmail mit Namen, Adresse und Telefonnummer des derzeitigen Verleihers. Abholung und Rückgabe werden individuell mit dem Ansprechpartner vereinbart.