Messe-Chef Kuhrt und Umbaugegner Breyvogel im Streitgespräch

Frank Stenglein
Wilfried Breyvogel (li.), einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens und Oliver P. Kurth, Geschäftsführer der Messe Essen, debattieren in der WAZ-Redaktion zum Für und Wider der Messe-Modernsierung. Foto: Dirk Bauer / WAZ Fotopool
Wilfried Breyvogel (li.), einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens und Oliver P. Kurth, Geschäftsführer der Messe Essen, debattieren in der WAZ-Redaktion zum Für und Wider der Messe-Modernsierung. Foto: Dirk Bauer / WAZ Fotopool
Messe-Chef Oliver P. Kuhrt fürchtet die Abwanderung großer Veranstaltungen, falls die Bürger die Modernisierung der Hallen ablehnen. Wilfried Breyvogel, Mitinitiator des Begehrens, vermisst hingegen einen klaren Plan, der das finanzielle Risiko rechtfertigt. Ein Streitgespräch.

Essen. Messe-Chef Oliver P. Kuhrt fürchtet die Abwanderung großer Veranstaltungen, falls die Bürger die Modernisierung der Hallen ablehnen. Wilfried Breyvogel, Mitinitiator des Begehrens, vermisst hingegen einen klaren Plan, der das finanzielle Risiko rechtfertigt. Ein Streitgespräch.

Herr Kuhrt, warum müssen es unbedingt 123 Millionen Euro sein, geht’s nicht auch billiger?

Kuhrt: Wenn sie unser Vorhaben mit anderen Messe-Bauten in Deutschland vergleichen, dann sehen Sie sofort, wir bauen keinen Luxus, sondern zeitgemäßen Standard. Wir hatten einen lang andauernden Planungsprozess, sehr vieles wurde geprüft, die letzte Variante fand eine breite Mehrheit im Rat der Stadt. Jeder, der durch diese Hallen geht, sieht sofort, warum wir die Modernisierung brauchen.

Nämlich?

Kuhrt: Die Qualität ist einfach nicht ausreichend. Egal ob Sie die Stromversorgung sehen, die veralteten Aufzüge, die fehlenden Abhängepunkte an der Decke und die fehlenden Logistikflächen: All das muss angepackt werden, sonst verlieren wir unsere internationalen Veranstaltungen. Es geht außerdem darum, auch mal zwei Veranstaltungen gleichzeitig möglich zu machen, wir brauchen die Chance für mehr Effizienz auf dem Gelände.

Herr Breyvogel, Sie sehen das anders. Warum?

Breyvogel: Technische Mängel machen es aus unserer Sicht nicht notwendig, 40.000 Quadratmeter Messe abzureißen. Ich gehe davon aus, dass die Planungsprozesse zu einseitig auf den Neubau fokussiert waren. Eine optische Erneuerung, mit gewissen baulichen Veränderungen halten auch wir für möglich. Ich darf hinzufügen: Auch ich habe ein wenig Bau-Erfahrung – ich bin immerhin mitverantwortlich gewesen für den Neuaufbau des Filmstudios.

Kurth: Bei allem Respekt, aber Sie haben, was die Komplexität einer Messeorganisation angeht, sicherlich nur einen eingeschränkten Einblick. Von Halle 12 bis Halle 4 laufen Sie durch mehrere Jahrzehnte Hallen-Baugeschichte. So etwas wollen die Kunden einfach nicht mehr, das ist nicht mehr vermarktbar und mit modernen Messe-Konzepten nicht vereinbar. Da muss eine Lösung aus einem Guss her und die 123 Millionen Euro sind da das Limit.

Seltsamerweise sind die altmodischen Doppelstockhallen aber bei den Full House-Messen vermietet.

Breyvogel: Genau. Weil sie preiswert sind. Und es gibt genug Aussteller, die damit zufrieden sind.

Kuhrt: Da reden Sie von den Publikumsmessen, aber bei den wichtigen Fachmessen, die uns 70 Prozent unserer Einnahmen bringen, ist es ganz anders. Wir stehen unter massiver Kritik der Branchenverbände wegen dieser Hallensituation.

Breyvogel: Das sind jetzt einfach Behauptungen…

Kuhrt: Nein, das sind konkrete Erfahrungswerte, Herr Prof. Breyvogel.

Breyvogel: Eine solche Investition setzt eine funktionierende Messe voraus, sonst ist das Risiko viel zu groß, dass sie verpufft. Die Weggänge von Leitmessen, denen Essen zu klein wurde, sind doch bereits erfolgt. Hinzu kommt, dass bei einigen Messen ein Drittel der Aussteller weggebrochen sind, Beispiel ist die gerade laufende Deubaukom.

Kuhrt: Natürlich sind in so einer langen Veranstaltungsgeschichte konjunkturelle Dellen drin, Branchen geht es mal besser und mal schlechter. Aber die Deubaukom ist trotzdem eine hervorragende Messe, mit der wir ein positives Ergebnis erwirtschaften.

Wenn die Messe modernisiert wird, sollte zumindest klar sein, dass die jetzigen Full-House-Messen bleiben und sich nicht der Fibo und der Aluminium anschließen, die aus Platzmangel gingen.

Breyvogel: Das sehe ich ähnlich. Die Messe-Fläche wird durch noch so viele Umbauten nicht größer. Und auch die Schweißen und Schneiden wird sich nicht auf Dauer in Essen halten lassen, wenn sie weiter wächst.

Kuhrt: Dass Messen dank ihres Erfolgs in Essen aus unserem Messe-Gelände herauswachsen, bleibt latent ein Problem. Aber ein Messe-Management muss in der Lage sein, auf solche Entwicklungen intelligent zu reagieren, indem zum Beispiel aus einer Messe ein Fachbereich ausgegliedert wird und sich daraus eine neue Messe entwickelt. Es geht im Messe-Geschäft immer öfter darum, Nischen zu erkennen und zu besetzen. Da hat die Messe Essen die richtige Größe, wir brauchen hierfür aber auch die richtigen baulichen Rahmenbedingungen. Dann holen wir auch neue Veranstaltungen. Leider ist durch die Diskussion der letzten Monate und Jahre schon jetzt ein enormer Imageschaden entstanden – für die Messe und für die Stadt.

Breyvogel: Für diese Entwicklungsdynamik, aus kleineren Messen größere zu machen, dafür haben Sie doch jetzt schon moderne Hallen im Süd- und im West-Bereich.

Kuhrt: Gerade für neue Themen und Messen brauchen wir aber ein zeitgemäßes Umfeld. Da will niemand plötzlich wieder in den 50er Jahren landen, wenn er um die nächste Ecke biegt.

Breyvogel: Ich kann Ihnen für dieses Geschäftsmodell nur alles Gute wünschen. Wir werden sehen, wie überzeugend das die Bürger finden. Mir ist im Prozess zu wenig offen gelegt worden, welche finanziellen Risiken damit verbunden sind. Der Kämmerer hat ja nicht von ungefähr Sparanstrengungen auch bei den städtischen Töchtern angemahnt.

Der Kämmerer sagt aber auch, dass die Messe-Investition sinnvoll ist und von der Stadt Essen auch zu schultern ist. Und dass - anders als Ihre Plakate suggerieren - keine anderen Aufgaben darunter leiden.

Breyvogel: Das ist richtig, aber nur wenn man kurzfristig denkt. Nehmen wir aber an, eine Zinssteigerung kommt, dann ist innerhalb von kürzester Zeit die Zahlung von Verlustausgleichen an die städtischen Töchter sehr stark eingeschränkt. Was dann?

Noch mal nachgehakt, Herr Kuhrt: Was spricht dagegen erneut nachzudenken?

Kuhrt: Wenn wir am 19. Januar kein klares Signal senden, dass es weitergeht in Essen, dann glaubt uns in den Branchen keiner mehr. Dazu ist bereits zu viel Zeit mit Diskussionen vergangen. Wenn ein negatives Votum kommt, werden die Reaktionen der Aussteller sehr rasch kommen. Für die Stadt Essen wird dann alles viel teurer.

Breyvogel: Das ist auch so eine Behauptung, dass Messen abwandern, wenn die Bürger mit Ja votieren.

Kuhrt: Dafür gibt es klare Signale. Ich rate, es nicht darauf ankommen zu lassen.

Vorwurf - Messe fehle Wirtschaftsplan 

Herr Kuhrt, der Messe wird vorgeworfen, dass sie zu wenig detaillierte Pläne habe, es fehle ein Wirtschaftsplan.

Kuhrt: Das ist falsch. Bis 2019 steht das neue Messe-Gelände, und das ist auch in unserem Wirtschaftsplan so niedergelegt. Alles darüber hinaus ist jetzt noch nicht konkret absehbar. Wir haben ab 2015 vier Jahre Bauzeit vor uns, und natürlich richtet sich die Akquise von Veranstaltungen auch danach aus.

Breyvogel: Und das ist uns eben zu wenig, weil ein Wirtschaftsplan fehlt, der den Erfolg der Investition begründet.

Kuhrt: Keine Messegesellschaft kann über fünf Jahre hinaus exakte Voraussagen machen, schließlich agieren wir alle am freien Markt. Was nicht heißt, dass unsere Teams nicht bereits die Märkte sondieren und Ideen entwickeln.

Das heißt, Sie erwarten Risikobewusstsein und Vertrauen von der Stadtgesellschaft?

Kuhrt: Ab dem Zeitpunkt, wo wir ein positives Votum für die Modernisierung haben, können wir das Thema Neuveranstaltungen selbstbewusst angehen. Das ist selbstverständlich, und dafür lassen wir uns in die Pflicht nehmen.

Breyvogel: Für mich bleibt das grundsätzliche Problem: Eine Messe, die ihr Eigenkapital verbraucht hat, die auf Verlustausgleiche angewiesen ist, ist eher ein hemmender Wirtschaftsfaktor.

Kuhrt: Das ist grundfalsch. Fast alle Messe-Gesellschaften in Deutschland stehen unter Subventionsbedarf. 2011 brauchten wir zum ersten Mal eine direkte Unterstützung durch die Stadt. Vorher haben wir jahrzehntelang alle Investitionen aus eigenen Mitteln getragen, während andere Messen sich das von Stadt oder Land bezahlen ließen. Heute leidet unser Ergebnis maßgeblich unter den hohen Abschreibungen und Zinsen, während unsere Veranstaltungen ein positives Ergebnis erwirtschaften.

Breyvogel: Man muss eben auch wissen in welcher Art Kommune man agiert und was man ihr zumuten kann. Diese Messe hat in den nächsten zehn Jahren ein Kostenproblem, was übrigens auch an steigenden Personalkosten liegt.

Kuhrt: Nein. Auch die Unternehmensberatung PWC bescheinigt uns, dass die Produktivität der Mitarbeiter eher überdurchschnittlich ist. Bei uns gibt es Abteilungen, die mehrere Fachbereiche betreuen, die woanders längst getrennt sind. Wir leben nun wirklich nicht über unsere Verhältnisse.

Wenn es für Sie schiefgehen sollte am Sonntag, Herr Kuhrt - haben Sie einen Plan B?

Kuhrt: Den würde ich gern von Herrn Professor Breyvogel hören.

Breyvogel: Dafür bin ich nicht zuständig.

Kuhrt: Sie wollen den Ratsbeschluss nicht, sagen aber nicht, was sie stattdessen wollen. Zu Ihrer Frage: Wenn wir nicht das machen dürfen, was unsere Kunden wünschen, ist das für jedes Unternehmen ein existenzielles Risiko, also auch für die Messe.

Schreckt Sie das, Herr Breyvogel?

Breyvogel: Die Messe macht einen Umsatz von 50 bis 55 Millionen Euro. Allein der Campus Essen der Uni Essen-Duisburg macht das Zehnfache an Umsatz und hat ganz andere Perspektiven. Die Messe war immer ein Prestigeobjekt, aber ob sie noch so wichtig ist für diese Stadt und ihre Entwicklung, darüber kann man streiten.

Kuhrt: Ach wissen Sie, Messen wurden schon so oft totgesagt, sind aber als Treffpunkt und als Marktplatz unverzichtbar und spülen ja deshalb auch viel Geld in die Stadt. Ich nenne gerne noch mal die Zahlen: 3500 Arbeitsplätze allein in Essen, 1,4 Millionen Besucher jährlich.

Breyvogel: Sie wissen, dass wir die erste Zahl bestreiten. Wir gehen von vielleicht 600 Arbeitsplätzen aus. Und die Besucher - finden Sie das viel? Der Essener Weihnachtsmarkt hatte 5 Millionen Besucher.

Kuhrt: Die Umwegrendite aus dem Konsum eines Glühweins lässt sich wohl kaum mit den Ausgaben eines Managers aus dem Ausland vergleichen, der hier mehrere Tage bei einer Fachmesse verbringt.

Macht es nach den Erfahrungen dieses Wahlkampfs in Ihren Augen Sinn, komplexe Sachverhalte wie das Für und Wider einer Messe-Modernisierung im Rahmen eines Bürgerentscheids zur Abstimmung zu stellen.

Kuhrt: Meine persönliche Meinung: Das Plebiszitäre ist da schon ein schwieriges Feld. Im repräsentativen politischen Prozess werden die fachlichen Aspekte ganz anders eingearbeitet als dass jetzt in dieser Verkürzung beim Bürgerentscheid möglich ist. Es sind mir zu viele Emotionen im Spiel.

Breyvogel: Komplex ist das Thema, das ist richtig. Das Bürgerbegehren ist aber gerade Folge des Versagens der klassischen Politik. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, die ganz andere Anforderungen an die Begründung politischer Entscheidungen stellt. Das Bürgerbegehren war die letzte Möglichkeit, den Prozess noch mal neu zu beginnen.

Hat die Messe in den letzen Jahren auch kommunikativ Fehler gemacht?

Kuhrt: Es gibt viel Unwissen über die Messe Essen, das sehen wir auch bei unseren Bürgerveranstaltungen. Wir werden intensiver als bisher kommunizieren. Das nehmen wir auf jeden Fall aus diesem Prozess mit.