Essen

Memmen sind hier fehl am Platz - So lief meine erste Trainingsstunde bei der härtesten Art der Selbstverteidigung

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  • Beim WingChun lernst du, wie du dich selbst verteidigen kannst
  • Vor blauen Flecken solltest du keine Angst haben
  • Das Training ist echt hart - bringt aber eine Menge. Sogar Spaß

Essen. Soll ich mal draufdrücken? Etwa pflaumengroß ist der Hubbel an meinem Unterarm. Es wird hart, hatten sie mir gesagt. Das wird ziemlich blau, sage ich jetzt. Kurz zuvor hatte es komisch Klong gemacht, das Geräusch, wenn Elle und Speiche irgendwie unnatürlich zusammenrasseln.

Mein Lehrer, Sihing Christian, hatte mich davor gewarnt.

Denn: Für den Tan Sao – das Aufbreiten des Armes – hat der Winkel zu stimmen. Bei mir stimmte er wohl nicht.

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Und während ich auf meiner Schwellung herumdrücke und kurz Sterne sehe, frage ich mich, ob die erste Übungsstunde beim WingChun, einer der krassesten Form der Selbstverteidigung, wohl für jeden so schmerzhaft endet.

Alles was ich über Kampfsportarten und alte Kriegskünste weiß, habe ich von Ryu gelernt. Seine Karate-Moves haben mir Sieg um Sieg und meinen Gegnern echte Kopfschmerzen bereitet –zumindest wenn Schädelbrummen im Playstation-Spiel Street Fighter als echt bezeichnet werden kann.

WingChun ist eine uralte asiatische Kriegskunst

Im wahren Leben habe ich mich nie schlagen müssen. Warum auch? 1,85 Meter groß, durchaus trainiert: Mich pöbelt man nicht an. Und wenn doch, war ich meist klug genug, einen weiten Bogen um die durchgeknallten Typen da draußen zu machen.

Flüchten kann ich aus dem Mehrzweckraum an der Giradetstraße in Essen allerdings nicht mehr. Meine erste WingChun-Stunde beginnt. Freundlich begrüßt mich Sihing Christian Rihm, er ist der Lehrer, der die uralte asiatische Kriegskunst im Ruhrgebiet lehrt.

Während die anderen Kursteilnehmer die ersten fünf Sätze einer speziellen Kampfchoreografie vor dem Spiegel üben, widmet er sich uns Neulingen.

Christian Rihm weiß, wovon er spricht

Ich bin heute nicht der einzige Anfänger. Neben mir steht Jenny, 24, 1,60 Meter groß, Typ „Dietutkeinerfliegewas“. Unbeholfen neugierig lauschen wir den Worten unseres Trainers: „Selbstverteidigung ist für mich immer nur WingChun“, beginnt er seinen kurzen Vortrag.

Jenny guckt etwas verdutzt. Später erfahre ich, dass sie zwölf Jahre Taekwondo gemacht hat – in echt, nicht wie ich mit Juri, wieder Street Fighter, wieder nur auf der Konsole.

Doch Christian Rihm weiß, wovon er spricht. Er war jahrelang Boxtrainer, hat Mixed Martial Arts trainiert, kam dann zum WingChun. Warum? „Es ist die intensivste Möglichkeit, Kampfkunst zu betreiben. Denn es gibt keine Grenzen im Training.“ Ich schlucke. Denn ich merke bereits bei der ersten Übung, was er meint.

Hier gibt es kein Herumgetanze

Hier gibt es „kein Herumgetanze wie bei anderen Kampfsportarten“, erklärt er. Was zählt, ist die absolute Verteidigung. Knochenhart. Jenny und ich führen unsere Hände vor das Gesicht. Rechts vorne, dahinter die linke Hand. Flach und angespannt. Würde ich jetzt meine Zunge herausstrecken, ich wäre wieder Kind.

Doch das hier ist ernst. Und Sihing Christian erklärt, was es mit dieser komischen Handposition auf sich hat: „Du bist bereit für den Angriff, wirkst aber nicht bedrohlich. Ballt mal die Hände zur Faust.“ Gesagt, getan.

Und plötzlich stehen Jenny und ich uns kampfbereit gegenüber.

Blocken ist Glückssache - als Angriff

„Ich möchte, dass ihr jetzt den anderen mit einem geraden Faustschlag angreift. Für die Abwehr dreht ihr den rechten Arm etwas ein. Und blockt. Aber schlagt aktiv gegen den Arm des Angreifers“, sagt Sihing Christian.

Der Sinn dahinter: Blocken ist selbst bei geübten Kämpfern reine Glückssache. Selbst das Geschehen bestimmen können, den Angreifer gar nicht zum Angriff kommen lassen, die beste Lösung. Ok, versuche ich es.

Christian bittet mich zum Schlag. Mein Arm prallt gegen seinen – seiner: Typ Stahlbeton. Meiner: eher nicht. Auch Jenny probiert sich. Klong. „Gut und jetzt ihr“, sagt Christian und ich schlage das erste Mal in meinem Leben eine Frau. Oder versuche es zumindest.

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Denn natürlich bremsen hier alle ihre Schläge ab. Verletzten soll sich niemand. Doch es soll kein „Larifari-Schattenboxen“ sein. Christian: „Ich möchte, dass meine Schüler unter Spannung stehen. Denn das wären sie in der realen Situation auch.“

Schmerzen - aber es macht Spaß und Sinn

Klong. Der erste Schlag ist geblockt. Danach der Zweite. Der x-te direkt hinterher. Jenny und mir tut der Arm weh. Sie: „In zwölf Jahren Taekwondo habe ich nicht einmal meine Arme benutzt. Ich: „In 28 Jahren Leben habe ich noch nicht so einen Schmerz gespürt.“

Doch das Training treibt an. Wir wechseln uns ab. Unbeholfen, aber immer sicherer machen wir den Block.

Sihing Christian gibt es schon bald eine weitere Aufgabe. Mit Rechts blocken, mit Links den Arm des Gegners wegschlagen –„Pak Sao“, für alle, die es nachschlagen wollen.

Winkel richtig, sonst macht's Autsch

Was Christian im Bruchteil einer Sekunde macht, dauert bei uns gefühlte Minuten. Dann wieder Klong. Und ich bin ausgeschaltet. „Der Winkel bei der Abwehr muss stimmen, dann tut es auch nicht weh“, höre ich die Worte von Christian durch meinen Kopf schwirren.

Meiner stimmte nicht.

Ein Meister fällt also nicht vom Himmel, wird mir klar. Sihing Christian: „Um dich effektiv selbstverteidigen zu können, musst du regelmäßig trainieren. Es müssen sich Automatismen bilden.“ Einmal mittrainieren reicht also nicht. Warum, erklärt Sihing Christian im Video.

Doch für mich ist WingChun für heute zu Ende. Auch Jenny ist sichtbar glücklich, dass sie die Stunde überstanden hat. „Es gibt viele Leute, die kommen nur einmal zum Training und merken: Das ist mir zu hart, so habe ich mir das nicht vorgestellt“, erzählt Sihing Christian.

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„Kann ich verstehen“, denke ich mir. Christian: „Du musst dich immer fragen, was dir im Ernstfall lieber ist: Einen blauen Arm haben oder riskieren, dass etwas viel Schlimmeres passiert?“. Ich stelle mir vor, ich würde nachts angegriffen werden.

Ein blauer Arm ist gut.

Schließlich machen wir hier keinen Sport, um körperlich fit zu werden. Sondern eine Kampfkunst, um körperlich unversehrt zu bleiben. Ob Jenny noch einmal zum Training kommen wird? Ich könnte sie verstehen.

 
 

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