Mein Freund, der Stammbaum

Foto: WAZ Fotopool

Steele..  Daten zu sammeln, aufzuschreiben und zu archivieren, um sie mitunter für die Nachwelt, die Wissenschaft oder vielleicht auch nur für die eigene Verwandtschaft zu erhalten, war lange Zeit völlig normal. Seit wenigen Wochen aber, seit dieser Edward Snowden aufgrund seiner ganz eigenen Art, Daten zu verarbeiten, nahezu prominenter geworden ist als Stars wie Muhammad Ali und Norbert Nigbur zusammen, gewinnt das Thema plötzlich eine völlig neue Qualität. Keine Talkshow, in der nicht ausgiebigst diskutiert wird . . .

Einen wie Robert Richter aber lässt das kalt. Der Mann aus Steele ist gerade 75 geworden, und auch er verbringt einen Großteil seiner Zeit mit dem Thema Daten. Namen, Geburts- und Todestage, wer wann und wen heiratete, ob und wenn wie viele Nachkommen hatte, das ist es, was ihn umtreibt. Vor allem die auf nackte Zahlen reduzierten Verwandtschaftsverhältnisse bekannter und berühmter Essener Familien haben es ihm besonders angetan. Baedeker etwa, von Waldthausen oder Huyssen und Sölling.

Vor gut zwei Jahren, da fing diese ganz und gar ungewöhnliche Leidenschaft Richters an, einst bei der Ausstellung „200 Jahre Krupp“ in der Villa Hügel. „Ich bin ‘53 bei Krupp angefangen, im selben Jahr übrigens wie Berthold Beitz.“ Robert Richter erinnert sich genau. „Ich wurde seinerzeit Betriebsschlosser, Herr Beitz tat etwas anderes . . .“

Richter hatte Lunte gerochen. Kaum ein Archiv, das er nicht durchwühlt und ausgeleuchtet hätte. Telefonate, Treffen, zahlreiche Recherchen. Auch Zufälle halfen, nicht aber das Internet. „Computer? Kein Bedarf. Ich verlass’ mich lieber auch mich selbst.“

Im Jahr 1524 fing alles an

Daten über Daten, schnell wuchsen die Stammbäume in den Himmel. Richters Aufzeichnungen reichen zurück bis 1524, akkurat zu Papier gebracht mit Lineal und Bleistift. 1524 wurde Johann Sölling geboren, Urururururgroßvater eines gewissen Heinrich Carl Sölling, dessen Name in Essen nach wie vor einen feinen Klang hat, obschon er schon 111 Jahre tot ist.

Sölling stammte aus einer alten Kaufmannsfamilie, gehörte lange dem Stadtverordnetenkollegium an, war Mitglied der Hospitalverwaltung. Der Mann hatte ein großes Herz und er hatte Geld, stiftete und verschenkte. 100 000 Mark etwa an die Martin-Wilhelm-Waldt­hausen-Stiftung, 75 000 an die Huyssens-Stiftung oder 30 000 Mark für das Essener Realgymnasium. Im 19. Jahrhundert.

1901, ein Jahr vor seinem Tod, erhielt Carl Sölling das Ehrenbürgerrecht. Das hat Robert Richter zwar nicht in seiner meterlangen Ahnentafel vermerkt, rausgekriegt aber hatte es auch. Ohne Computer.

 
 

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