Madeleines Stiefvater saß als Bankräuber im Gefängnis

Die Leiche von Madeleine W. Leiche wurde in einem Essener Kleingarten vergraben.
Die Leiche von Madeleine W. Leiche wurde in einem Essener Kleingarten vergraben.
Foto: Kai Kitschenberg/WAZ Fotopool
Im Internet trauern die Freunde der ermordeten Madeleine W., posten Erinnerungen und rappen Abschiedslieder. Das Jugendamt Gelsenkirchen hatte Madeleine auf Initiative ihrer Mutter betreut. Deren Schwester berichtet, der Beschuldigte Günter O. habe die Familie entzweit.

Essen/Kamenz.. Zur grausamen Ermordung der jungen Mutter Madeleine W. werden immer neue Details bekannt: Nachdem Madeleine ihren Stiefvater Günter O. wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte, stufte ein Psychologe Madeleine als glaubwürdig ein. Das Gutachten hatte die Staatsanwaltschaft während der einjährigen Ermittlungen in Auftrag gegeben. Das bestätigte Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens. Das Jugendamt Gelsenkirchen kümmerte sich auf Initiative von Madeleines Mutter seit Oktober um Madeleine und ihr Kind.

Deren Schicksal erschüttert auch die Menschen in der Heimat der Familie: Das Opfer und ihre mutmaßlichen Mörder waren vor vier Jahren aus Kamenz im Landkreis Bautzen (Sachsen) weggezogen. Dort leben Madeleines Tante, ihr Onkel und ihre Großmutter noch immer. Die Tante wusste nach eigenen Angaben bereits am Dienstagmorgen, dass ihre Nichte tot ist. Tage zuvor hatten die Ermittler auf der Suche nach der 23-Jährigen auch die Kamenzer Wohnung des Onkels inspiziert: „Meine Nichte hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Die Polizei nahm an, dass sie hierher in ihre alte Heimat geflüchtet sein könnte“, vermutet die Frau.

Familie war wegen Günter O. jahrelang zerstritten

Dass es familiäre Probleme gab, war Dauerthema unter den Verwandten. Zum neuen Ehemann ihrer Schwester und zu den Mord- und Missbrauchsvorwürfen gegen Günter O. sagte Madeleines Tante der Sächsischen Zeitung: „Zuzutrauen wäre ihm einiges. Unsere Familie war wegen dieses Mannes jahrelang zerstritten. Wir hatten deswegen kaum Kontakt mit meiner Schwester.“

Der Beschuldigte stammt ursprünglich aus Österreich, zog 1991 nach Sachsen und heiratete Madeleines Mutter 1994. Er saß nach Informationen der Sächsischen Zeitung schon einmal im Gefängnis, war wegen eines Banküberfalls in Österreich verurteilt worden. Schon damals soll er nach der Tat nach Essen geflohen sein.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, was da passiert ist. Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei meiner Schwester“, sagte Madeleines Tante. Mehr bringt sie nicht heraus. Die Erinnerung an ihre tote Nichte treiben ihr die Tränen in die Augen. „Sie war ein ganz liebes Mädel. Zum Forstfest haben wir uns das letzte Mal gesehen. Auch mein Bruder, Madeleines Onkel, trauert sehr.“

Madeleines Oma soll die ganze Wahrheit nicht erfahren

Madeleines Oma dagegen weiß nichts vom Schicksal ihrer Enkelin: „Unserer Mutter können wir die ganze Wahrheit gar nicht erzählen. Sie ist bereits 81 Jahre, sie würde die Welt nicht mehr verstehen“, sagt ihre Tochter. „Das Telefon klingelt außerdem den ganzen Tag über. Das mache es nicht leichter. „Es ist einfach alles so unwirklich. Wir müssen das erst einmal verdauen.“

In der 15.000-Einwohner-Stadt, in der Madeleine W. Kindheit und Jugend verbrachte, erinnern sich viele Menschen an sie: „Wir hatten schöne Zeiten und ich bin froh, dich damals kennengelernt zu haben“, schreiben Freunde auf Facebook. Oder: „Unsere Clique war die beste, wir haben unsere Kindheit mit ihr verbracht … und jetzt das …“. Virtuelle Kerzen werden für die junge Mutter angezündet, Gleichaltrige erinnern sich an kleine Episoden, die sie mit ihr erlebt haben. Auf Youtube hat Nutzer „Seek MC“ ein Video veröffentlicht, er rappt ein Abschiedslied, blendet ein: „In Liebe deine Freunde.“ Auf der Straße in Kamenz ist die Familientragödie Gesprächsthema Nummer eins.

Madeleine W. war laut Jugendamt „eine liebevolle Mutter“

In den Nachbarschaften der Familie im Essener Norden und im Gelsenkirchener Osten ohnehin. Bis Ende September 2013 suchte Madeleine in einem Essener Frauenhaus Schutz, nachdem sie ihren Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte.

Seit dem 1. Oktober war die junge Mutter in Resser-Mark gemeldet, wohnte damit im Zuständigkeitsbereich des Gelsenkirchener Jugendamtes. Zu dem nahm Madeleines Mutter Kontakt auf: Sie trug den Wunsch nach Betreuung an die Behörde heran, sagt deren Leiter Alfons Wissmann.

Jugendamt will Sorgerecht für Madeleines Tochter

Bereits am 19. September sprachen Mitarbeiter deshalb in Herten mit Madeleine. Die nahm die „niederschwellige Hilfe“ an: Jugendamtsmitarbeiter halfen, ihre neue Wohnung zu renovieren, sahen sechs Stunden wöchentlich nach dem Rechten. „Dabei machte das Kind einen stets guten Eindruck“, berichtet Wissmann. Madeleine war nach seinen Informationen „eine liebevolle Mutter. Aus unserer Sicht gab es nichts zu bemängeln.“ Damals, im Herbst, so Wissmann, „sind uns die Missbrauchsvorwürfe noch nicht bekannt gewesen.“ Von diesen erfuhren die Jugendamtsmitarbeiter nach seinen Angaben erst im Laufe der Betreuung.

Das Jugendamt Gelsenkirchen will nun versuchen, das endgültige Sorgerecht für die zwei Jahre alte Halbwaise zu bekommen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass das Mädchen später zur Adoption freigegeben werde, so der Amtsleiter. Das jedoch sei „ein sehr langwieriges Verfahren“. Erstmal aber kümmert sich eine Pflegefamilie um die Zweijährige, die ihre Mutter Madeleine am 11. Februar das letzte Mal sah. (Ina Förster/kim/pw/pg)

 
 

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