„Liza Minnelli? Ich wusste ja gar nicht, wer das ist!“

Das Leben ist eben doch ein Cabaret, wenn man sich verliebt wie Fräulein Schneider (Ingrid Domann) und ihr Bewunderer Herr Schultz (Rezo Tschchikwischwili) in der Inszenierung von Reinhardt Friese im Grillo-Theater.Foto:Birgit Hupfeld
Das Leben ist eben doch ein Cabaret, wenn man sich verliebt wie Fräulein Schneider (Ingrid Domann) und ihr Bewunderer Herr Schultz (Rezo Tschchikwischwili) in der Inszenierung von Reinhardt Friese im Grillo-Theater.Foto:Birgit Hupfeld
Foto: waz
Schauspielerin Ingrid Domann war 1972 Statistin in der berühmten „Cabaret“-Verfilmung mit Liza Minnelli, jetzt spielt sie das Stück am Grillo-Theater.

Essen.. Würde man die Bühnen-Geschichte von Ingrid Domann heute noch einmal nachspielen, dann würde sie natürlich mit einem Casting beginnen. Große Träume, große Aufregung, großer Augenblick! Aber als Ingrid Domann das erste Mal mit dem Showgeschäft in Berührung kommt , ist kein Dieter Bohlen zur Stelle, sondern nur der Fremdenverkehrs-Direktor von Eutin. „Ingrid, möchtest du zum Film?“ hat er die damals 17-Jährige gefragt. Und Ingrid Domann ist einfach mal aufs Rad gestiegen, zum Schloss Eutin gefahren und war drin in einem Stück Filmgeschichte.

„Cabaret“, das Meisterwerk von Bob Fosse aus dem Jahre 1972, wurde damals auch in Deutschland gedreht. „Da wurde eben auch eine Statistin für die Rolle des Kammermädchens gesucht“, erzählt die Schauspielerin und holt ein paar alte Fotos aus der Tasche. Links die Minnelli mit ihrem markanten Pony, rechts Ingrid Domann mit weißer Schürze. „Man sieht ja eigentlich nur meinen Rücken“, wiegelt Ingrid Domann gleich bescheiden ab. Und vielleicht hätte sie das alles nie erwähnt, wenn „Cabaret“ jetzt nicht auf dem Spielplan des Schauspiel Essen stünde.

100 Mark Honorar für die Statistin

Da hat sie den Kollegen dann doch von damals in Eutin erzählt und gefragt, ob sie in der Produktion vielleicht dabei sein könnte. Ist sie natürlich, als sacht verblühte Zimmerwirtin Fräulein Schneider, die sich im Berlin der späten 20er Jahre mit leisem Stolz und den Obsttüten ihres stillen Bewunderers, Herrn Schultz, über Wasser hält. Sie dürfte eine der wenigen Schauspielerinnen sein, die schon mal neben der Minnelli vor der Kamera standen. Aber von dieser Sensation hat sie damals gar nichts geahnt.

„Life is a Cabaret“? Aber doch nicht in Eutin! Da arbeitet man mit 17 im Reisebüro und träumt vielleicht mal von ein paar ruhigen Tagen an der See. „Ich wusste ja gar nicht, wer diese Minnelli ist“, sagt Ingrid Domann, und das norddeutsche Understatement timbriert noch immer ihre Stimme. Dabei hat sie in den vergangenen Jahrzehnten einen weiten Bogen über die deutschsprachigen Bühnen gemacht von Hannover, Wiesbaden, Basel, Frankfurt und Göttingen bis Essen, wo sie seit vier Jahren zum Ensemble gehört. Eine glückliche Entscheidung: „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt die Schauspielerin. Und dann muss es wohl auch Fügung gewesen sein, dass irgendwann dieses wunderbare Stück auf dem Spielplan stand: „Cabaret“.

Erst mal eine Buchhändler-Lehre

42 Jahre liegt die legendäre Verfilmung jetzt zurück, aber Ingrid Domann hat den Honorarzettel noch aufbewahrt. „100 Mark am Tag, das war viel Geld“, erinnert sich die Schauspielerin und schmunzelt. Aber die bodenständige Holsteinerin ist damals nicht so ein schwärmerischer Backfisch, der danach gleich von der Weltkarriere träumt. Domann macht zunächst einmal eine Lehre als Buchhändlerin und bewirbt sich irgendwann doch am renommierten Max Reinhardt-Seminar. „Hätte ich nicht bestanden, wäre ich heute vielleicht noch Buchhändlerin“, resümiert Domann. Aber es kommt anders.

Seit 39 Jahren steht sie inzwischen auf der Bühne, hat Regisseure kommen und gehen sehen, hat verfolgt, wie sich die Spielpläne verändert haben, Konzepte manchmal stärker im Vordergrund stehen als Figuren aus Fleisch und Blut und Gefühlen. Und da ist so eine Fräulein Schneider im „Cabaret“ natürlich ein Geschenk für Schauspielerinnen, eine Frau mit Seele und Stimme und all den Zweifeln, die man hat, wenn die Welt aus den Fugen gerät und das Herz plötzlich jubiliert: „Heirat!?“ Einen jüdischen Obsthändler ehelichen, obwohl der braune Mob da draußen tobt? Fräulein Schneider bleibt ihren Vorsätzen treu und am Ende alleine.

Das Rollenangebot wird knapper

Ingrid Domann hingegen liebt den Neubeginn. „Veränderungen sind nötig“, sagt sie. Deshalb auch hat sie ihre letztes Engagement in Wiesbaden kurz vor der Unkündbarkeit aufgegeben und ist ans Schauspiel Essen gewechselt, wohlwissend, dass „der Weg jetzt unsicher wird“. „Sich neu auf Menschen und Orte einzulassen, das hält fit“, sagt Ingrid Domann und weiß, warum sie diesen Beruf so liebt: Der Lust und Leidenschaft am Spiel wegen und: „Man darf in so viele Leben schlüpfen, ohne die Konsequenzen zu tragen.“

Die Elisabeth in „Maria Stuart“ oder die Trafikantin Valerie in Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ wären noch Rollen, die sie besonders locken würden, denn „irgendwann ab Ende 40 wird das Angebot knapp. Aber die Kolleginnen in Hollywood haben ja das gleiche Problem“, lacht . Liza Minnelli ist jetzt auch schon 68 Jahre alt. Sie wird von Eutin heute kein Bild mehr haben.

 
 

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