Libanesische Frauen gegen Gewaltexzesse und Clan-Denken

Weil die Bluttaten in der Essener Innenstadt der letzten Wochen längst ein Politikum sind, wandten sich die libanesischen Frauen an Oberbürgermeister Thomas Kufen. Er ging, wie das Bild zeigt, auf die „ungewöhnliche Einladung“ ein.
Weil die Bluttaten in der Essener Innenstadt der letzten Wochen längst ein Politikum sind, wandten sich die libanesischen Frauen an Oberbürgermeister Thomas Kufen. Er ging, wie das Bild zeigt, auf die „ungewöhnliche Einladung“ ein.
Foto: Stadt Essen
  • Libanesische Frauen haben eine Resolution verfasst, in der sie die Gewaltexzesse im libanesisch-kurdischen Milieu verurteilen
  • Frauen wenden sich in Erklärung direkt an Essener Bürger
  • Sie wollen Kinder vermitteln, dass Sicherheit nur durch Anerkennung rechtsstaatlicher Strukturen bestehen kann

Essen. Sie wollen nicht mehr tatenlos mitansehen, wie ihre rachetrunkenen Söhne, Ehemänner und Schwäger mit Messern, Macheten und Pistolen aufeinander losgehen. Libanesische Frauengruppen haben jetzt eine Resolution verfasst, in der sie die Gewaltexzesse und den Hass im libanesisch-kurdischen Milieu scharf verurteilen. Auslöser ist der jüngste Vorfall, bei dem ein 21-Jähriger von Verwandten durch fünf Pistolenschüsse lebensgefährlich verletzt wurde.

„Wir distanzieren uns aufs Äußerste von der Tat, wir verurteilen sie, sie ist abgrundtief verachtenswert“, heißt es in der Erklärung, mit der sich die Frauen direkt an die Essener Bürgerschaft („Liebe Essenerinnen und Essener“) wenden. Zugleich legen sie ein Bekenntnis zu den Werten der Republik ab: „Wir wollen und werden unseren Kindern nahebringen, welch hohe Güter Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung sind“. Entschieden wenden sie sich ab von der verhängnisvollen Paralleljustiz in ihren Clans. „Wir werden unseren Kindern vermitteln, dass Sicherheit nur durch Anerkennung rechtsstaatlicher Strukturen bestehen kann.“

Entschlossen an die Öffentlichkeit

Das libanesisch-kurdische Clan-Milieu tritt meistens als Männerwelt in Erscheinung. Eine archaische Welt, in der Frauen anscheinend nur eine untergeordnete Rolle in der Familie spielen. Umso beeindruckender, dass sie sich jetzt so beherzt und entschlossen an die Öffentlichkeit wenden. Wohl auch ein Indiz dafür, dass die Gewaltbereitschaft und das Verlangen nach Blutrache in den Clans weiterhin sehr groß sind.

Die unterzeichnenden Frauen heißen unter anderem Rania, Laial, Mariam, Selma, Zyenap, Fatma und Alkenani. Insgesamt 15 haben unterschrieben. „Unser ganzes Mitgefühl gilt dem jungen Mann, der aus niederen Beweggründen brutal niedergeschossen wurde, seinen Eltern, die verzweifelt um das Leben ihres Kindes bangen, den Familienangehörigen, die sich fragen, wie es weitergehen soll.“

Frauen haben sich an OB Kufen gewandt

Aber auch von der Familie des Täters ist die Rede, die seine Tat verurteile, die sich dafür schäme, die hilflos sei, „weil auch sie nicht wissen, wie es weitergehen soll“.

Weil die Gewaltexzesse in Essen längst ein Politikum sind, haben die libanesischen Frauen sogar das Stadtoberhaupt mit ihren Sorgen und Ängsten konfrontiert. OB Thomas Kufen hat auf seiner Facebook-Seite ein Foto veröffentlicht, das ihn im Kreise der libanesischen Frauengruppe zeigt. Er berichtet von der „ungewöhnlichen“ Einladung und lobt ihre Position „als Frauen und Mütter dieser Stadt, die gerne hier leben, als Teil der Essener Gesellschaft“.

 
 

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