Lenßen bis Letzter Bulle - das Spiel mit dem Revier-Klischee

Jennifer Schumacher
TV-Anwalt Ingo Lenßen. Foto:Sat1/Oiver Schulz
TV-Anwalt Ingo Lenßen. Foto:Sat1/Oiver Schulz
Foto: obs
Neben TV-Anwalt Ingo Lenßen, der aus seiner Kanzlei in Essen sendet, spielen noch weitere Sendungen in der Ruhrgebiets-Metropole. Die Seifenoper „Alles was zählt“ oder „Der letzte Bulle". Viva hat mit „Party, Bruder!“ ein neues Reality-Format aus Essen-Borbeck angekündigt.

Essen. Dortmund hat den Zuschlag für den neuen Tatort im Revier bekommen, jetzt steht die Besetzung für das vierköpfige Ermittlerteam fest. Nun schwelt unter der viel beschworenen Ruhrgebiets-Einigkeit ja unbestritten immer etwas Neid und Kirchturmdenken. Doch Essen muss sich nicht grämen: Zum einen waren wir mit Hansjörg Felmy als Kommissar Heinz Haferkamp schon einmal Tatort. Zum anderen flimmert Essen ohnehin regelmäßig über die Mattscheibe. So hat TV-Anwalt Ingo Lenßen zu Beginn der Woche seine Kanzlei vom Münchener Schickeria-Staub befreit und an den Essener Hauptbahnhof verlegt.

Lenßen? Kennen Sie nicht? Der für seine ungewöhnlich gezwirbelte Gesichtszierde zum Bartträger des Jahres 2004 gekürte Jurist befasst sich für Sat1 ab sofort wieder allabendlich um 18.30 Uhr mit Fällen, die das Leben so kaum schreiben könnte. Lehrerinnen, die ihre Schüler verführen, dubiose Begebenheiten aus dem Rotlicht-Milieu - der Fantasie der Drehbuchautoren sind keine Grenzen gesetzt. Für Producerin Sonia Ben Salah ist Essen das perfekte Umfeld für das „Scripted Reality“-Format: „Die Region ist sympathisch und lebensnah. Es gibt mehr Ecken und Kanten als in München.“ Die fiktive Kanzlei ist an der Hachestraße beheimatet, Lenßen genießt den Blick auf den Hauptbahnhof. Darüber hinaus verwandelte sich die Bert-Brecht-Straße beim Dreh bereits in einen Straßenstrich, in der vergangenen Woche war auch der Recover Fight Club in Bergerhausen Schauplatz einer erdachten Räuberpistole. Weitere Vorschläge für geeignete Drehorte werden mit Kusshand angenommen. Künftig soll in Essen eine Castingagentur für die Serie aufgebaut werden, für die 175 neue Folgen in Planung sind.

Viva dreht neues Reality-Format „Party, Bruder!“

Ab dem 27. April soll darüber hinaus ein weiteres Format ein Stück Essener Lebenswirklichkeit in deutsche Wohnzimmer bringen. Mit „Party, Bruder!“ will Musiksender Viva zeigen, dass er mehr kann als Klingeltöne. Die „Real Life Entertainment Show“, wie es im Fernseh-„Deutsch“ so schön heißt, porträtiert die fünf Freunde Anil, Bukut, Moho, Steven und Nayef, die in Borbeck zu Hause sind. Hinter den Geschichten steckt kein Drehbuchschreiber, vielmehr will Viva mit Authentizität punkten und das echte Leben abbilden. Dafür bieten die 18- bis 21-jährigen Freunde, die mindestens genausoviel Selbstbewusstsein wie Gel in den Haaren haben, ausreichend Polarisierungsfläche.

Den rauen Charme des Ruhrgebiets nutzt seit 2010 auch Publikumsliebling Henning Baum für sich. In „Der letzte Bulle“ spielt er einen Polizisten, der nach 20 Jahren im Koma aufwacht. Baum, der im wahren Leben auf der Magarethenhöhe wohnt, verkörpert den etwas prolligen aber charmanten Typen, dem zwar der Sinn für gutes Benehmen dafür aber nie der richtige Spruch auf den Lippen fehlt.

Etwas aufgesetzter wirkt da schon die Pott-Romantik in der Dailysoap „Alles was zählt“, die RTL bereits seit 2006 sendet. Wie beim letzten Bullen wird ein Großteil der Seifenoper, die ebenfalls in Essen spielt, in den Studios in Köln gedreht. Als Schnittbilder gern genommen: die vollgestopfte A40 und qualmende Schornsteine, bevorzugt im Sonnenuntergang. Einer der Dreh- und Angelpunkte ist der Imbiss „Pommes Schranke“ - klar, wir Ruhris ernähren uns ja auch von nichts anderem.

Nun könnten böse Zungen behaupten, dass all diese Formate nicht die hohe Kunst der Fernsehunterhaltung sind und sich der Vergleich mit dem König der Krimis nicht geziemt. Die Ruhrtourismus GmbH zeigte sich unlängst genervt über das von Lenßen propagierte Revier-Klischee. Auf der ITB in Berlin zeige man lieber das Bild eines Ruhrgebiets „mit erstklassigen Kulturveranstaltungen, guter Küche und dem Ruhrtalradweg“. Ob das im Vorabendprogramm ziehen würde, ist zweifelhaft. Im Ernst: Das durch die mediale Leichtkost gezeichnete Image - bodenständig, mit dem Herz auf der Zunger und liebenswert - könnte schlimmer sein.