Lehrer schießt mit Anzeige gegen Grünverwaltung in Essen übers Ziel hinaus

Bäume mit diesen Zeichen, so Prof. Volker Dubbel, zeigen den Verlauf der Rückegassen, den festgelegten Wegen für die Forstarbeiter. Auf ihnen werden gefällte Bäume zu den Poltern gebracht.
Bäume mit diesen Zeichen, so Prof. Volker Dubbel, zeigen den Verlauf der Rückegassen, den festgelegten Wegen für die Forstarbeiter. Auf ihnen werden gefällte Bäume zu den Poltern gebracht.
Foto: WAZ FotoPool
Bei einem Streifzug durch das Naturschutzgebiet Hülsenhaine im Schellenberger Wald zeigen Experten auf, dass die Vorwürfe eines Bottroper Lehrers gegen die Grünverwaltung in Essen falsch sind. Dieser hatte sogar Strafanzeige gegen Grün+Gruga wegen Verletzung der Schutzziele im Naturschutzgebiet gestellt.

Essen. Mitten im Wald herrscht Helmpflicht. Denn da, wo möglichst kein Bürger hingehen soll, kann schon mal ein Ast zu Boden krachen. Das gilt etwa für das Naturschutzgebiet Hülsenhaine im Schellenberger Wald – zumindest für den unbewirtschafteten Teil, der sich unberührt vom menschlichen Einfluss so entwickeln kann, wie die Natur das möchte.

Wir sind unterwegs mit Förster Tobias Hartung (30) und Professor Volker Dubbel von der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen. Sie wollen widerlegen, was Gymnasiallehrer Franz-Josef Adrian aus Bottrop der Essener Grün-Verwaltung von Grün+Gruga vorwirft, ja was er sogar mit einer Strafanzeige untermauerte. Adrians Vorwurf, die Naturschutzziele am Schellenberger Wald und anderswo würden nicht eingehalten, Pflanzen- und Tierschutz missachtet und Holz aus wirtschaftlichen Gründen geschlagen, sei falsch. Der Mann befinde sich sozusagen auf dem Holzweg.

Behutsam und mit Augenmaß

Der Unterschied zwischen bewirtschaftetem oder gestaltetem Wald und der völlig naturbelassenen Fläche wird einige Hundert Meter abseits des Wegs deutlich. Wir betreten ein spürbar dunkleres Stück Wald, über uns ein dichtes Kronendach. Darunter, so sagen die Experten, wächst auf die Dauer nicht mehr viel, Artenvielfalt gehe verloren und die schattenvertragende wie schattenwerfende Buche gewinne Überhand. Das fehlende Licht würde selbst der geschützten Stechpalme, einem klassischen Schattengewächs, den Lebensraum nehmen.

Genau das aber sei nicht gewollt. Gewollt werde vielmehr, so sei auch das Schutzziel vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz definiert, dass Buchen- und Altbestände erhalten und gefördert würden. Deshalb werde im bewirtschafteten Teil des Naturschutzgebiets in die Natur eingegriffen. Die Förster, so Professor Dubbel, gingen dabei behutsam und mit Augenmaß vor. Keine Rede könne von großangelegten Fällungen sein. Die an einem Weg gestapelten Polter stammten von einzelnen Maßnahmen an vielen Stellen im gesamten Waldgebiet.

Grün+Gruga bindet Bürger intensiv ein

Förster betrieben Konkurrenzsteuerung zwischen den Bäumen, hielten Ausschau nach zukunftsfähigen Bäumen, merkten künftige Habitate auch im bewirtschafteten Wald vor und blickten überhaupt über Jahre oder Jahrzehnte voraus.

„Und wir sägen auch nicht einfach Bäume ab“, weist Förster Tobias Hartung Vorwürfe zurück. Es gebe vor geplanten Fällungen die Chance, sich über die Gründe dafür zu informieren. Tatsächlich, so Berater Professor Dubbel, betreibe Grün+Gruga im Bundesvergleich eine intensive Bürgerbeteiligung.

Ein Wald für die Bürger

Nach dem extensiven Baumschlag und starken Bürgerprotesten hatte es in den 1980er Jahren für lange Zeit einen Fäll-Stopp gegeben. 2006 lud Grün + Gruga zu einem Zukunftsworkshop Vertreter vieler Interessengruppen ein. Ergebnis: Die Essener wollen einen Wald, der ökologisch nachhaltig (45 Prozent in der Gewichtung) und für die Bürger zugänglich (35 %) ist, aber auch ökonomisch genutzt werden soll (20%).

Die 1745 Hektar Wald sind zertifiziert vom Forest Steward Council (FSC), einer unabhängigen Nicht-Regierungsorganisation. Sie kontrolliert einmal im Jahr Bestand und Pflege, alle fünf Jahre gibt es eine Hauptuntersuchung. Ein außerordentliches Audit nach einer Beschwerde von Grün+Gruga-Kritiker Adrian ergab jüngst: alles in Ordnung. Dass der Wald für die Bürger da ist, sei, so Professor Dubbel, auch daran erkennbar, dass die Länge der Waldwege 205 Meter pro Hektar Wald betrage, der Bundesdurchschnitt liege bei 40 Meter. Die Anforderungen in Sachen Ökologie würden mehr als erfüllt. Fünf Prozent der Waldfläche, so das FSC, sollten unberührt sein. In Essen sind es 8,6 Prozent. Spätestens 2020 wird sich zeigen, wie weit die Stadt dem Ziel näher gekommen ist, einen Dauerwald zu errichten, in dem es keinen Kahlschlag gibt. Dann steht die nächste Waldinventur an.

 
 

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