Kupferdreh - die Wiege der Frühindustrie

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Essen..  Rainer Busch ist ein offenes Buch. Ein offenes Geschichtsbuch! Wer mit dem Heimatkundler durch Kupferdreh spaziert, der spürt und riecht es förmlich. Wie es dampft und schnaubt, wie die Hochöfen der „Phönixhütte“ Feuer speien und die Förderräder der Schachtanlagen „Adler“ und „Viktoria“ ächzen unter der Last des Schwarzen Goldes.

Ohne die Industrialisierung würde es auch Kupferdreh, so wie wir es heute kennen, gar nicht geben, sagt Busch. Denn bis ins 19. Jahrhundert bestand der Stadtteil im Essener Südosten aus ein paar Bauernschaften, Hinsbeck, Rodberg oder Dilldorf erinnern daran. Erst 1875 wurde Kupferdreh selbstständige Gemeinde, seit 1929 gehört Kupferdreh zu Essen.

Bei der Namensgebung standen Ruhrschiffer Pate. „An der Kupperdrehe“ nannten sie die gefährliche Flussbiegung. Dort, wo der Deilbach heute in den Baldeneysee mündet, und der Berghang mit Namen „Frauenstein“ in die Höhe ragt. „Das ist unsere Loreley“, schmunzelt Busch. Seit wann und warum der Fels „Frauenstein“ genannt wird, sei leider nicht überliefert. Das aber ist verbrieft: Nur wenige Meter dem Deilbach folgend wurde schon 1550 Kupfer produziert. Ja, die Wiege der Frühindustrie findet sich hier, im Deilbachtal in Kupferdreh - Kupferhammer, Eisenhammer und Deilbachhammer zeugen bis heute davon.

Wie so viele Orte im Ruhrgebiet erlebte auch Kupferdreh erst im 19. Jahrhundert einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg. Wohlstand hielt Einzug. An den Häuserfassaden entlang der Kupferdreher Straße ist dies bis heute abzulesen. An massive Bruchsteinhäuser reihen sich verschnörkelte Jugendstilfassaden aus der Gründerzeit. Die Bomben im Zweiten Weltkrieg haben nur wenige Wunden geschlagen in Kupferdreh. So mancher Bauherr und Architekt hat dies später nachgeholt und tut es noch. Zwei alte Villen, die sich hinter hohen Bäumen neben der ehemaligen Post - einem stillosen Klotz in Fort-Knox-Architektur - verbergen, sollen abgerissen werden. Ein Lebensmittel-Discounter will dort eine seiner gleichförmigen Filialen errichten, erzählt Rainer Busch. Die Ortspolitiker haben etwas dagegen. Ob’s hilft?

Die Blüte des Industriezeitalters hat auch Kupferdreh längst hinter sich. Hüttenwerke und Schachtanlagen sind längst verschwunden. Geblieben ist ein Stadtteil, in dem es sich gut leben lässt. Eigenheime und Siedlungen schmiegen sich an die Hänge über dem Ortskern, wo sich von Inhabern geführte Geschäfte gegen die sonst allgegenwärtigen Filialisten behaupten. Nicht nur das weit über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannte Schokoladeneis bei Plückthun ist erste Sahne und lockt auch Auswärtige nach Kupferdreh.

Mal sanft, mal steil

Hinauf geht es von der Kupferdreher Straße, mal sanft, mal steil. Gut zu Fuß müssen sie sein, die Kupferdreher - oder ein Auto besitzen, Familien auch gerne zwei. Dafür entschädigen mit etwas Glück und guter Lage die schöne Aussicht übers Ruhrtal und kurze Wege hinaus ins Grüne. Ins Deipenbecktal zu den denkmalgeschützten Eisen- und Kupferhämmern oder weiter ins benachbarte bergische Land.

Ja, Kupferdreh könnte sich in Wohn- und Freizeitqualität leicht messen mit Heisingen, jenem Stadtteil am anderen Ruhrufer, dem sich alteingesessene Kupferdreher schon mal in inniger Abneigung verbunden fühlen. „Früher, als es in Kupferdreh noch ein Kino gab, gab es nach der Vorstellung zwischen Jungs aus Kupferdreh und Heisingen gerne mal Haue“, berichtet Rainer Busch. Warum? Da muss auch der Heimatforscher passen.

Heisingen gilt vielen jedenfalls als der bessere, der attraktivere Stadtteil. Es mag an der inzwischen zur Autobahn aufgewerteten Hochstraße liegen, der Kupferdreh seit den 70er Jahren quasi zu Füßen liegt. Die aufgeständerte Schnellstraße zieht sich aus der Luft betrachtet wie eine Schneise durch den Stadtteil, als habe ein Riese mit einer gewaltigen Axt zugeschlagen. Verkehrstechnisch mag die Schnellstraße unverzichtbar sein. Städtebaulich ist sie eine unverzeihliche Sünde. „Wir haben uns an die Autobahn gewöhnt“, sagt Buschs Mitstreiter Otto Grimm, stellvertretender Vorsitzender der rührigen Kupferdreher Bürgerschaft, als er vom Marktplatz vor die hochliegende Lärmschutzwand blickt. Kann man sich an einen solchen Anblick gewöhnen?

Vom Marktplatz bis zum See ist es nur ein Katzensprung

Hinter der Trasse wird wieder gebaut. Die Deutsche Bahn verlegt ihre S-Bahn ebenfalls in den ersten Stock. Autos müssen nicht mehr am Bahnübergang warten. Wiederholt hier jemand die Fehler der Vergangenheit?

Rainer Busch und Otto Grimm verneinen. Kupferdreh soll endlich bis an den Baldeneysee heranrücken. Das ist das erklärte Ziel der Stadtentwickler, die den Ortsteil zum Leidwesen von Anwohnern und Kaufmannschaft seit Jahren mit Baustellen überziehen.

Vom Marktplatz bis zum See ist es nur ein Katzensprung. Es ist nicht lange her, da war hier „terra inkognita“, unbekanntes Land. Inzwischen führen Wander- und Radwege ans Ufer. Wo vor Jahren noch eine Zementfabrik das Ufer beherrschte und heute noch die Museumseisenbahn der Hespertalfreunde entlang dampft und auch in Zukunft dampfen darf, sollen luxuriöse Eigenheime entstehen. Der Deilbach soll wieder in sein historisches Bett verlegt werden, noch verlaufen hier die Schienen der S9.

Rainer Busch weist über die weitläufige Schotterfläche Der Boden ist aufgeschüttet. Im Untergrund schlummert Hochofenschlacke und wer weiß, sonst noch was, sagt Busch. Ob sich die Hoffnungen der Investoren erfüllen?

Oben am Frauenstein schmiegt sich die Dilldorfer Höhe ins Grün. Auf dem ehemaligen Kasernengelände hat der Allbau Eigenheime gebaut. Wer hier wohnt, wohnt gerne hier, sagt Grimm. Doch viele Baufelder sind frei geblieben. An der Einfahrt liegt etwas versteckt ein Findling - ein Grabstein, 4000 Jahrte alt. Der erste Kupferdreher?

 
 

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