Kulturlogen sind die Kunst, Kultur mit allen zu teilen

Martina Schürmann
Marc Grandmontagne mit Bianca und Ruth-Jutta, zwei von mehr als 1500 Gästen der Kulturloge.Foto:Sebastian Konopka
Marc Grandmontagne mit Bianca und Ruth-Jutta, zwei von mehr als 1500 Gästen der Kulturloge.Foto:Sebastian Konopka
Foto: WAZ FotoPool
Das kreative Angebot der Stadt Essen ist reich. Doch viele können sich die Tickets für die Veranstaltungen nicht leisten. Die Kulturloge Ruhr ermöglicht das kostenlose Dabeisein - und das bereits seit dem Jahr 2010. Inzwischen zählt der Verein mehr als 1500 Kulturgäste und über 120 Kartenanbieter.

Essen. Es gibt Menschen, die fühlen sich von Kultur so reich beschenkt, dass sie noch Monate später mit einem Lächeln daran zurückdenken. Menschen wie die 32-jährige Lili, für die das Kartenangebot der Kulturloge an ihrem Geburtstag vielleicht die schönste Überraschung war. Am Abend hat sie sich fein angezogen, ihren vierjährigen Sohn an die Hand genommen und den Ausflug ins Aalto bis heute nicht vergessen.

Die junge Mutter ist eine von inzwischen 1577 Kulturgästen, für die Kultur eine echte Bereicherung im Leben ist, aber oft auch eine unbezahlbare. Für Menschen wie sie gibt es seit 2010 die Kulturloge Ruhr.

Die von derzeit 50 Ehrenamtlichen geführte Einrichtung ist eine Servicestelle für nicht verkaufte Restkarten und Kunden, die auch nicht die 10, 20 Euro für ein Lastminute-Ticket übrig hätten. Ihnen vermittelt die Kulturloge einen kostenlosen Platz in Theater oder Konzert und das Gefühl, nicht ganz an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu sein.

Viele der Kulturlogen-Gäste sind Hartz-IV-Empfänger

„Beim ersten Mal habe ich gedacht, man bekommt den Sitz ganz weit hinten. Aber denkste. Man sitzt richtig im Mittelpunkt“, erinnert sich Bianca. Als die ausgebildete Eisenbahnerin damals ihren Job verloren hat, gingen auch einige Außenkontakte verloren. Aber die 37-Jährige will ihre Abende nicht ständig vorm Fernseher verbringen.

Mit Unterstützung der Kulturloge hat die Stopperbergerin schon im Mondpalast applaudiert und beim Zollverein Konzert ihr Interesse für Klassische Musik entdeckt. „Man erweitert sein Spektrum und man lernt auch wieder neue Leute kennen.“ Die 37-Jährige ist wie viele Kulturlogen-Gäste Hartz-IV-Empfängerin.

Und doch ist jede Geschichte, die hier hinter der Umschreibung „finanziell schwächer gestellt“ steht, ein bisschen anders. Die eine erzählt von Altersarmut, die andere von Krankheit, von familiären Schicksalsschlägen, zu geringem Bafög oder einfach von zu viel Pech im Leben. Bei anderen, wie der jungen Mutter Lili, reicht der Halbtagsjob trotz Aufstockung vom Job-Center einfach nicht für regelmäßige Besuche im Kindertheater oder im Konzert.

„Die Gründe lassen sich nicht mit dem Schlagwort Arbeitslosigkeit erklären“, stellt Marc Grandmontagne klar. Beispielsweise bei Ruth-Jutta. Die 55-Jährige hat über 35 Jahre gearbeitet, bevor die alte Stelle und schließlich auch der finanzielle Spielraum für teure Freizeitaktivitäten flöten gingen. Ein Besuch der Ruhr Triennale wäre da undenkbar. Denn an die Theaterkasse zu treten und den Berechtigungsschein vorzuzeigen, wäre der Essenerin ein bisschen peinlich. „Da stehen ja auch viele persönliche Dinge drauf.“

Die Kulturloge hingegen ist genau so, wie es schon der Name suggeriert: Diskret und absolut kundenorientiert. Wer die Kriterien erfüllt und angemeldet ist, der wird am PC oder auch per Telefon über freie Karten informiert. Vorlieben werden berücksichtigt, ein Zufallssystem sorgt dafür, dass möglichst viele der 1577 Kulturgäste immer mal wieder ein Angebot bekommen.

Über 16.000 Tickets hat die Kulturloge schon vergeben

Das Repertoire reicht von Vorstellungen der Theater und Philharmonie bis zur Zeche Carl, von Pact Zollverein und Schloß Borbeck bis zur Essener Volksbühne. Die allerersten Karten wurden im September 2010 für die Zollverein Konzerte vergeben, erinnert sich Marc Grandmontagne.

Inzwischen zählt der Ehrenamtler 126 Kulturpartner von Dortmund bis Dinslaken, vom Bahnhof Langendreer bis zum Zentrum Altenberg. Seit der Gründung wurden schon mehr als
16.000 Tickets vergeben. Nach der erfolgreichen Pilotphase in Essen sind inzwischen auch Zweigstellen von Gelsenkirchen bis Herne, von Witten bis Waltrop entstanden.

Grandmontagne geht davon aus, dass sich die Arbeit der Kulturloge so bald nicht erübrigt. Der Wunsch, Kultur für jeden Menschen zugänglich zu machen, erfüllt nach Ansicht vieler Logengäste jeden Abend aufs Neue seine größte Aufgabe: „Man fühlt sich nicht mehr so ausgegrenzt.“